Sektionen

Der fachliche Austausch auf dem NBGT findet in vier parallelen Sektionen (und natürlich in den Pausen) statt. Durch die erfreuliche Breite der repräsentierten Forschung kann die jeweilige Sektion nur tendenziell literaturwissenschaftliche (Sektion 1), sprachwissenschaftliche (Sektion 2), erwerbs- bzw. vermittlungsbezogene (Sektion 3) sowie kulturwissenschaftliche (Sektion 4) Schwerpunkte setzen.

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Im Folgenden finden Sie alle Beiträge inkl. Abstracts alphabetisch geordnet nach dem Nachnamen des/der Beitragenden. Sie können darüber hinaus auf einzelne Abstracts zugreifen, indem Sie in der Rubrik „Programm“ den Sie jeweils interessierenden Beitrag anklicken.

Constanze Ackermann-Boström (Uppsala, Schweden)
Russisch, deutsch, russlanddeutsch? Zum Sprachgebrauch von russlanddeutschen Jugendlichen

Seit 1990 sind rund 2,1 Millionen Spätaussiedler aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland zugewandert. Ihre sprachlich-soziale Situation in der Bundesrepublik ist durch eine charakteristische Mehrsprachigkeit markiert. Zum einen bildete das Russische nicht mehr die Funktion einer Verkehr- oder Kontaktsprache auf gesellschaftlicher Ebene. Zum anderen waren viele gezwungen, die deutsche Sprache neu zu erlernen oder ihre Sprachkenntnisse zu erweitern. Der Sprachgebrauch der ersten Generation wurde im Rahmen des am Institut für Deutsche Sprache angesiedelten Projekts „Sprachliche Integration von Aussiedlern“ von Berend (1998) und Meng (2001) eingehend untersucht. Dabei stützen sie sich auf Aufnahmen, die Anfang der 1990er Jahre in Mannheim sowie im Saarland aufgezeichnet wurden. Aktuelle Studien zur Mehrsprachigkeit der zweiten und dritten Generation bzw. zur Situation der Russlanddeutschen in anderen Regionen Deutschlands fehlen bisher. Im Rahmen meines Dissertationsprojektes untersuche ich Sprach- und Kommunikationsformen von russlanddeutschen Jugendlichen zwischen 18 und 20 Jahren mit Hilfe von narrativen Interviews und ethnografischen Beobachtungen an einem Jugendzentrum in Ostdeutschland, um Aussagen über deren konkreten Sprachgebrauch und ihre Einstellungen zur eigenen Mehrsprachigkeit erhalten zu können. Dabei erhoffe ich mir unter anderem, situations- oder domänenspezifische Muster der Sprachbenutzung erkennen zu können. In meinem Vortrag möchte ich erste Ergebnisse der Sichtung meines Materials präsentieren. Dabei werde ich auf die Rollen Bezug nehmen, die die Sprachen (Deutsch, Russisch, Englisch usw.) und andere sprachliche Varietäten (Dialekte) in der alltäglichen Kommunikation der Jugendlichen spielen und auch auf über den Einfluss der spezifischen Lebenssituation in einer eher monolingualen Kleinstadt auf die Sprachverwendung der Jugendlichen referieren.

Berend, Nina (1998): Sprachliche Anpassung. Eine soziolinguistisch-dialektologische Untersuchung zum Rußlanddeutschen (=Studien zur deutschen Sprache. Forschungen des Instituts für Deutsche Sprache 14).Tübingen: Gunter Narr.
Meng, Katharina (2001): Russlanddeutsche Sprachbiografien. Untersuchungen zur sprachlichen Integration von Aussiedlerfamilien (=Studien zur deutschen Sprache. Forschungen des Instituts für Deutsche Sprache 21). Tübingen: Narr.

Anne Arold (Tartu, Estland)
Syntaktische Konstruktionen im Estnischen und im Deutschen und deren lexikografische Erfassung als Teil des Fremdsprachenunterrichts

Zur Aneignung von syntaktischen Strukturen und lexikalischen Kollokationen werden u. a. verschiedene Konstruktionswörterbücher verwendet. Durch den Einsatz von Kollokations-, Rektions- und Valenzwörterbüchern im Unterricht werden vor allem deduktive Fähigkeiten der Lernenden gefördert, durch eine gemeinsame Analyse von diskurstypischen Konstruktionen aber die induktiven Prozesse des Spracherwerbs. Eine zielgerechte und durchdachte Kombination der beiden Verfahren könnte vor allem bei fortgeschrittenen und besonders sprachbewussten Lernenden guten Erfolg versprechen. Anhand praktischer Beispiele werden im Vortrag einige Vor- und Nachteile der beiden Verfahren zusammengefasst, durch die jeweils unterschiedliche Fähigkeiten der Lernenden unterstützt werden sollten. Im ersten Teil wird das Konzept des deutsch-estnischen Valenzwörterbuchs vorgestellt, dessen langwierige Erarbeitung zu einem entscheidenden Meilenstein gelangt ist. Das (beinahe) druckreife Manuskript enthält 745 Lemmata, in denen verschiedene Satzmodelle der geläufigsten deutschen Verben und deren estnischer Entsprechungen beschrieben und durch Beispielssätze in beiden Sprachen illustriert werden. Der zweite Teil des Vortrags ist dem multilateralen Projekt KoGloss gewidmet – einem Versuch, durch eine korpusbezogene Konkordanzanalyse samt anschließender kollaborativer Glossierung der Ergebnisse im Online-Studienportal Moodle ein viersprachiges Fachsprachenglossar aufzustellen. Die beiden Projekte sind inzwischen im Rahmen eines Lexikografiekurses von estnischen MA-Studierenden getestet und ausgewertet worden. Das positive und konstruktive Feedback von den Beteiligten gibt den Anlass, die erarbeiteten Unterrichtsmittel als Ergänzung zum herkömmlichen Sprachunterricht zu empfehlen.

Dirk Baldes (Daugavpils, Lettland)
Die Symphonie der Farben als ästhetisches Prinzip bei E.T.A. Hoffmann

In keiner Epoche der deutschen Literatur werden so häufig Farbwörter benutzt wie in der Romantik. Einer der Gründe dafür scheint in der Notwendigkeit zur Konstruktion einer Gegenwelt zu liegen, deren farbenfrohes Erscheinungsbild die Illusion einer perfekten Welt als Gegenentwurf zur grauen (Kriegs-)Wirklichkeit bewirken soll. Die Spannung romantischer Texte, die von einer permanenten Bedrohung der imaginierten Idealwelt lebt, wird somit nicht zuletzt durch entsprechend funktionalisierte Farbevokationen hergestellt. Die antagonistische Wirkung von Farben wird zur Unterscheidung von bedrohlichen und harmonischen Kräften innerhalb der poetischen Wirklichkeit instrumentalisiert. Ein anderer Grund für die gehäufte Verwendung von Farbwörtern ist im romantischen Synästhesiekonzept zu suchen. Der ganzheitliche Anspruch der Schlegel’schen „progressiven Universalpoesie“ zeigt sich nicht nur textextern in der Tendenz zur Gattungsmischung oder im Zusammenwirken verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, sondern auch in einer synästhetischen Bildhaftigkeit auf Textebene.
Der Beitrag gibt zunächst einen groben Überblick zur poetischen Verwendung von Farbwörtern und leitet über zur Bedeutung der Farben innerhalb der romantischen Ästhetik. Anschließend werden diese Konzepte auf das Werk E.T.A. Hoffmanns übertragen und die Bedeutung einzelner Farben in den Werken Das fremde Kind, Klein Zaches genannt Zinnober und Der goldne Topf untersucht. Zum allgemein-romantischen Gebrauch von Farbwörtern tritt hier die spezifische Verwendung bei Hoffmann hinzu. Gerade für Hoffmann, der sich als Musiker, Schriftsteller und Maler zugleich verstanden hatte, gewinnt das Synästhesiekonzept eine tiefere Bedeutung. So haben Farben natürlich eine Indikatorfunktion zur Differenzierung ‚guter’ und ‚böser’ Charaktere und leisten auch einen Beitrag zum atmosphärischen Hintergrund des jeweiligen Textes. Zusätzlich tragen sie aber auch zu einem intermedialen Verständnis der Texte bei. Wird die Beziehung zur Malerei durch die farbliche Kolorierung (narrativer) Umrisszeichnungen hergestellt, so gelingt die Verbindung zur Musik über eine Vielzahl assoziativer ‚Farbklänge’. Durch das gleichzeitige Wirken antagonistischer Kräfte entsteht die Illusion einer narrativen Symphonie der Farben und damit der Eindruck einer ganzheitlichen poetischen Welt.

Sigita Barniškienė (Kaunas, Litauen)
Der fremde Blick auf die nationalen Eigenschaften der Litauer in den deutschen Essays

Im Vortrag geht es um die Art und Weise der Beschreibung der Eigenheiten der litauischen Kultur, des alltäglichen Lebens, der gesellschaftlichen Umgangsformen, der Charaktere von Menschen und ihrer Lebensweise durch gegenwärtige deutschsprachige Autorinnen und Autoren in ihren Essays: das sind Beiträge von Stephan Wackwitz, Benedikt Vogel, Cornelius Hell und Robert Bosch Stiftung Lektorinnen Angela Hohlfeldt, Lorraine-Jeanette Albert und Lektor Jürgen Buch.
Ihre Schreibanlässe sind unterschiedlich, doch ihre Aufsätze werden durch ein Thema vereint – Litauen nach der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit 1990 in ihren Auffassungen, mit ihren Bewertungen und Beurteilungen.
Als theoretische Grundlage für die Analyse der gewählten Essays sollen Überlegungen über die westeuropäische Konsumgesellschaft und ihre Werte in der globalisierten Welt von Gerhard Schulze, Jean Baudrillard, Richard David Precht und Reinhard Jirgl dienen.
Wie sind die Einschätzungen der osteuropäischen Realität durch ihre westlichen Nachbarn? Welche Einstellungen und Lebenshaltungen prägen einen westeuropäischen Intellektuellen, der mit seinen Maßstäben das Leben in Litauen einschätzt und beurteilt?
Auf diese Fragen versuche ich in meinem Vortrag Antworten zu finden, die eventuell einige Einsichten zum Problem der Fremdwahrnehmung der eigenen Kultur beisteuern werden. Ein kurzer Vergleich der gewählten Texte mit einem älteren ( Kaunas-Impressionen von Richard Dehmel in seinem „Kriegstagebuch“ aus dem Jahre 1919) kann epochenabhängige Unterschiede in der Behandlung des gleichen Themas herausstellen.

Christian Benne (Odense, Dänemark)
Erzgekeilt. Triolektik und „interessierter Dritter“ in Kleists Penthesilea

Ausgehend von Asger Jorns Theorie der Triolektik und Carl Schmitts Partisanenschrift untersuche ich die Rolle der Gestik in Kleists Trauerspiel.

Maria Bonner (Sønderborg, Dänemark)
Aussprache als motorische Fertigkeit – Konsequenzen für den Ausspracheunterricht

Die lange gängige Auffassung, es gebe zum Erlernen einer Fremdsprache ein optimales Zeitfenster  und insbesondere das Erlernen der authentischen Aussprache einer Fremdsprache sei jenseits der Pubertät kaum möglich (Critical Period Hypothesis), mag dazu beigetragen haben, dass ein fremdsprachlicher Akzent vielfach als unüberwindbar hingenommen wird. In der Praxis ist weiterhin die Zeit für ein systematisches Aussprachetraining im Fremdsprachenunterricht meist knapp bemessen. Eignen sich erwachsene Lerner dennoch eine authentische Aussprache an, so sieht man das gerne als Zeichen einer besonderen Begabung, als Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Um eine muttersprachennahe Aussprache einer Fremdsprache zu erlangen, sind neben dem kognitiven Aussprachewissen um Phoneme und Allophone sowie ihre Distribution auch motorische Fertigkeiten nötig, um von den automatisierten Artikulationsbewegungen der Muttersprache abweichende Artikulationsbewegungen ausführen zu können. Aussprachewissen kann kognitiv erfasst und zum Beispiel in Form von Transkriptionen nachgewiesen werden. Das Erlernen der Aussprache dagegen ist ein motorischer Vorgang und setzt voraus, dass die Bewegungen der Artikulationsorgane bei der Artikulation der Muttersprache und der Fremdsprache bewusst wahrgenommen und differenziert werden können. In einem erfolgreichen Ausspracheunterricht muss es also darum gehen, die motorischen Muster der Artikulation bewusst zu machen, um so eine Veränderung zu ermöglichen.
In meinem Beitrag wird es um Konzepte motorischen Lernens gehen. Ich werde u.a. folgenden Fragen nachgehen: Wie lässt sich das bewusste Wahrnehmen von kleinsten Bewegungen der Artikulationsorgane schulen? Wie kann das sehr komplexe Zusammenspiel der an der Artikulation beteiligten Muskulatur der Propriozeption zugänglich gemacht werden, sodass die Artikulationsorgane nicht mehr automatisch die gewohnten Bewegungen ausführen, sondern bewusst andere Bewegungen ausprobiert werden können, um die fremdspachlichen Zielpositionen der Artikulation zu erreichen?

Withold Bonner (Tampere, Finnland)
„Vielleicht ist es mein Großvater. Vielleicht auch nicht.“ Fotos und Postmemory in den Erinnerungen von Irina Liebmann und Barbara Honigmann

Nach 1945 wächst in der SBZ / DDR mit u.a. Monika Maron, Irina Liebmann, Thomas Brasch und Barbara Honigmann eine Gruppe von Autoren heran, deren Eltern von den Nationalsozialisten als Juden und Kommunisten verfolgt worden waren und die, soweit sie die Zeit des Faschismus im Exil überlebt hatten, nach Kriegsende bewusst in die SBZ /DDR gegangen waren.
Das Verhältnis zu den Eltern und Großeltern nimmt einen wichtigen Platz in der literarischen Produktion dieser Autoren ein. Ihr eigenes indirektes und fragmentarisches Generationengedächtnis wird dabei als „Postmemory“ (Marianne Hirsch) durch die traumatischen Erfahrungen ihrer Eltern dominiert, welche sich weniger in deren Erzählungen als in deren Schweigen manifestieren – sei es zu Auschwitz oder zum GULAG.
Wie Marianne Hirsch in „Family Frames: Photography, Narrative, and Postmemory“ (1997) zeigt, sind Fotos das entscheidende Medium, das die Erinnerungen zweier Generationen, Gedächtnis und Post-Gedächtnis miteinander verbindet. Wie der hier vorgeschlagene Beitrag anhand zweier Texte von Irina Liebmann („Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt“) und Barbara Honigmann („Ein Kapitel aus meinem Leben“) zeigen wird, sind es nicht zuletzt Fotos, denen eine wichtige symbolische Bedeutung bei den Erinnerungen an Vater und Mutter zukommt. Es handelt sich dabei – im Gegensatz zu den Fotos der gleichaltrigen deutschen Mitschüler – nicht um beschriftete, wohl geordnete, in Familienalben eingeklebte Fotos, sondern um unbeschriftet und ungeordnet aufbewahrte Fotos, die einerseits die Existenz von Vergangenheit und Familie bestätigen, andererseits in ihrer Unordnung die Zerstörung der Familien und in ihrer flachen Zweidimensionalität die unüberbrückbare Distanz zwischen den Generationen signalisieren.

Michael Braun (Köln, Deutschland)
Wem gehört die Geschichte? Erinnerungsroman und Gedächtnisroman

Margit Breckle (Vilnius, Litauen)
Konkurrenz ums Vorfeld. Vergleichende Analyse zum gesprochenen L2-Deutsch schwedisch- und finnischsprachiger Lernender

Während die Wortstellung im Finnischen oft als ‚frei‘ bezeichnet wird und die Verbzweit-Struktur nur eine von mehreren möglichen Optionen darstellt (vgl. Hakulinen et al. 2004: 1306ff.), sind das Deutsche und das Schwedische nahverwandte Verbzweit-Sprachen, in denen die Position vor dem finiten Verb (Deutsch: Vorfeld; Schwedisch: fundament) i.d.R. von einem Element besetzt ist. Das Vorfeld im Deutschen ist nicht durch grammatische Funktionen determiniert; es wird aber häufig angenommen, dass das Vorfeld einen großen Einfluss auf die Informationsstruktur hat und mit lokaler Textkohärenz in Verbindung gebracht.
Im Vortrag wird eine empirische korpusbasierte Untersuchung zur Verwendung des Vorfelds im gesprochenen L2-Deutsch schwedisch- und finnischsprachiger Lernender (L2-SE und L2 -FI) im Vergleich zu einer L1-Kontrollgruppe präsentiert. Der Untersuchung liegen folgende Fragestellungen zugrunde: (i) Welche Elemente werden im Vorfeld in Deutsch als L2 im Vergleich zu Deutsch als L1 produziert? (ii) Finden sich bei der Verwendung von Vorfeld-Elementen Unterschiede zwischen schwedisch- und finnischsprachigen L2-Lernenden? Zur Analyse der grammatischen Kategorien und Vorfeld-Funktionen wird die contrastive interlanguage analysis (vgl. Granger 2008) verwendet; bei Ausnahmen von der Verbzweit-Struktur wird zudem eine Fehleranalyse durchgeführt.
Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Lernenden die Vorfeld-Struktur im Deutschen erworben haben. Während sich zwischen L2-Lernenden und L1-Kontrollgruppe zwar Unterschiede insbesondere in Bezug auf die Verwendung von Subjekt und Adverbialen im Vorfeld finden, die jedoch bei gegebener Korpusgröße nicht signifikant sind, lassen sich zwischen L2-SE und L2-FI signifikante Unterschiede in Bezug auf die Distribution der grammatischen Vorfeld-Funktionen sowie in Bezug auf Subjekt und Akkusativobjekt nachweisen. Es zeigt sich, dass die L2-FI-Ergebnisse denen der L1-Kontrollgruppe ähnlicher sind als die L2-SE-Ergebnisse. Die Ergebnisse lassen auf einen L1-Transfer schließen (vgl. z. B. auch Rosén 2006 und Bohnacker & Rosén 2008 für L1-Transfer bei schwedischsprachigen L2-Lernenden des Deutschen); dieser Erklärungsansatz wird durch die Tatsache gestützt, dass bei L2-FI signifikant mehr Inversionsfehler auftreten.

Bohnacker, Ute & Rosén, Christina. 2008. The clause-initial position in L2 German declaratives. In: Studies in Second Language Acquisition 30, 511–538.
Granger, Sylviane (2008). Learner corpora. Lüdeling, Anke & Kytö, Merja (Eds.). Corpus Linguistics. An International Handbook. Berlin et al.: de Gruyter. 259–275. (= Handbooks of Linguistics and Communication Science; 29)
Hakulinen, Auli et al. 2004. Iso suomen kielioppi. Helsinki: SKS. (= Suomen kirjallisuuden Seuran toimituksia; 950) Auch abrufbar unter: http://scripta.kotus.fi/visk/etusivu.php [13.1.2012]
Rosén, Christina. 2006. Warum klingt das nicht deutsch? Probleme der Informationsstrukturierung in deutschen Texten schwedischer Schüler und Studenten. Stockholm: Almqvist & Wiksell International.

Karlis Cirulis (Riga, Lettland)
Selbstaufgeklärtes Erwachen? Zur Kulturproduktion und Bildungspolitik in Lettland um 1850

Der Vortrag geht dem rasanten kulturellen Aufschub der ersten und zweiten Hälfte des 19. Jh., sowie dem ersten nationalen „Erwachen” in Lettland nach, das nicht nur mit einem Umbruch in der bis dahin von Deutschen betriebenen Volksaufklärung einhergeht, sondern auch als exemplarischer Schnittpunkt von Identitätsbildenden Prozessen verstanden werden kann. Das Projekt der Aufklärung wird in der Mitte des 19. Jh. erfolgreich ‘übersetzt’ – die Jungletten treten in die Fußstapfen von J. G. Herder und G. Merkel. Neben dem zentralen Identitätstext der Letten, G. Merkels „Die Letten”, bereitet die zweisprachige Ausgabe von H. Zschokkes „Goldmacherdorf” typologische Modelle vor, auf die, unter anderem, J. Alunans, K. Valdemars und K. Barons bald zurückgreifen. Die in ein Bildungsprojekt umgeschlagene Volksaufklärung eröffnet einen nationalen Diskurs, in dessen Rahmen neben einem ersten ‚lettischen‘ literarischen Kanon auch ein Kanon für Bildungs- und damit auch Identitätstexte entsteht. Unter einer Perspektive der Bildungsforschung wird im Vortrag auf die diskursiven und medialen Bahnungen dieses kollektiven nationalen Narrativs eingegangen. Zentral für die Betrachtung sind die Aspekte der Selbstbestimmung und des Selbstbildes der jungen Nation in den Augen der Federführer dieses Narrativs.
Es wird ferner den medialen Voraussetzungen und Umsetzungen der Kulturproduktion, die den Nährboden (oder die Maschinerie, wenn man so will) für diese Prozesse bildet, in Bezug auf den lettischen Raum, nachgegangen.
Die Untersuchung ist dabei, neben historischen, kulturellen und vergleichenden Aspekten, auf mediengeschichtliche Forschung ausgerichtet.
Ein für die Zwecke der Untersuchung geeigneter, weit gefasster, Medienbegriff wird hier bei M. McLuhan unter dem Begriff der „Erweiterungen“ gewonnen, der Medien als Weiterentwicklungen des menschlichen (und kollektiven) Körpers beschreibt.

Peter Colliander (Kopenhagen, Dänemark / München, Deutschland)
Zwei Aspekte der phonetischen Eindeutschung: Wörterbuchpraxis vs. Bedürfnisse der Sprachteilhaber

Im Beitrag wird der Begriff „phonetische Eindeutschung“ allgemein diskutiert und problematisiert, wobei der Versuch unternommen wird, die Prinzipien der bisherigen Aussprachewörterbücher und einiger anderer Wörterbücher wie „Duden Deutsches Universalwörterbuch“ und „Duden Das große Fremdwörterbuch“ im Bereich der Eindeutschung zu rekonstruieren. Als aktuelles, konkretes Beispiel werden die im „Deutschen Aussprachewörterbuch“ (Krech et al.; Berlin, New York 2009) aufgenommenen dänischen Proprien exemplarisch diskutiert, für deren Bearbeitung ich verantwortlich bin. Auch wenn das Dänische eine dem Deutschen nahe verwandte germanische Sprache ist, bereiteten die dänischen Proprien (und natürlich auch die wenigen dänischen Appelative, die in diesem Wörterbuch aufgenommen worden sind) eine breite Palette an Problemen bei der von den Herausgebern des Wörterbuchs gewünschten Eindeutschung, Probleme, die vielleicht erst bei dem Deutschen nicht verwandten oder ferner verwandten Sprachen zu erwarten wären. Es stellen sich dabei mehrere Fragen verschiedener Art, die im Beitrag diskutiert werden, z. B., ob bei der Eindeutschung bei allen Sprachen gleich vorgegangen werden sollte (man könnte sich vorstellen, dass wegen der heutigen Sonderstellung des Englischen und seines Status als Schulsprache bei der Eindeutschung englischer Wörter anders vorgegangen wird als bei anderen Sprachen). Eine andere zu diskutierende Frage wäre, welche Bedürfnisse/Erwartungen der Benutzer eines deutschen Aussprachewörterbuchs in Bezug auf die Angabe der Aussprache von fremden und Fremdwörtern hat. Im Beitrag werde ich für eine Differenzierung der Eindeutschung plädieren, und zwar in „Minimale Eindeutschung“, „Gemäßigte Eindeutschung“, „Maximale Eindeutschung“ und „Pragmatische Eindeutschung“, wobei das Prinzip der Pragmatischen Eindeutschung sozusagen einen Kompromiss zwischen den drei anderen Prinzipien darstellt. Eine solche Klassifizierung trägt meinem Wunsch Rechnung, bei der Eindeutschung die Anwender- und Anwendungsperspektive mit zu berücksichtigen.

Agnese Dubova (Ventspils, Lettland)
Einsatz der Konstruktionsglossare bei der Erstellung der Textsorten auf Deutsch von lettischen Studierenden

Bei der Erstellung eines fremdsprachlichen Textes spielen verschiedene Faktoren sowie die muttersprachliche und fremdsprachliche Texterschließung als auch die Sprachkompetenz bezüglich der Rechtschreibung, Grammatik und Lexik und die Formulierungserfahrung und -hilfen eine wichtige Rolle. Zur Texterschließung werden die Textsorten in der Muttersprache und Fremdsprache in Bezug auf die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede behandelt und daraus Konsequenzen gezogen. Zur Erstellung einer fremdsprachigen Textsorte werden auch unterschiedliche Informationsquellen herangezogen, z. B.  gedruckte und elektronische zweisprachige und einsprachige lexikographische Quellen, Paralleltexte u.a.
Im vorliegenden Vortrag werden die Einsatzmöglichkeiten der Konstruktionen aus den authentischen Texten bei der Produktion des Berichts und der Hausarbeit auf der deutschen Sprache von lettischen Studierenden dargelegt.
Bei der Erstellung des Berichts werden die ausgewählten und beschriebenen Konstruktionen aus dem Glossar zum deutschem Textkorpus verwendet, der im Rahmen des EU-Projektes „Konstruktionsglossare im Fachsprachenlernen – Deutsch, Estnisch, Lettisch, Litauisch”(KoGloss) erstellt  worden ist. Im Weiteren werden die Gebrauchsmöglichkeiten dieser Konstruktionen in den studentischen Texten ausgewertet.
Als Nächstes wird erprobt, zusammen mit den Studenten den deutschen Korpus zur Wissenschaftssprache anzulegen, die Konstruktionen mit dem kostenlosen Programm AntConc statistisch herauszufiltern und sie nach einem einheitlichen Muster in dem Glossar auf der Lernumgebung Moodle zu beschreiben, zu ergänzen, zu kommentieren und zu bewerten. Das ermöglicht für die Studenten, diese Konstruktionen bei der Gestaltung der Hausarbeit auf der deutschen Sprache zu benutzen. Dabei lernen die lettischen Studierenden eine Methode, um neue fachsprachliche Domäne in der deutschen Sprache schnell und zielgerichtet zu erschließen. Es wird erwartet, dass die Fähigkeit der Studierenden, fremde Sprache zu analysieren, gesteigert wird und dass sie diese Methode in ihrer Weiterbildung und im Berufsleben nutzen werden.

Nicolaus Janos Eberhardt (Uppsala, Schweden)
Substantivkomposita in den Schriften Notkers des Deutschen

Das Deutsche gilt gemeinhin als Kompositionssprache, insbesondere Substantivkomposita werden zu jeder Zeit in der Geschichte des Deutschen in großer Zahl gebildet. So ist auch zu erwarten, dass die Komposition eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Deutschen von einer Sprache der Alltagskommunikation hin zu einer Kultursprache spielt, wenn nämlich neue Bezeichnungen für Begriffe gefunden werden müssen, die der Volkssprache bislang fremd waren.
Obwohl diese Entwicklung mit dem frühen Mittelalter einsetzt, liegt noch keine umfassende, systematische Darstellung der Komposition im Althochdeutschen vor, die dem aktuellen Stand der historisch-synchronen Wortbildungsforschung entspräche. Diese hat die korpusgestützte Rekonstruktion von Wortbildungssystemen zum Ziel (vgl. Müller 2002, 3), die dann in einem zweiten Schritt als Grundlage einer diachronen Darstellung der Entwicklung des Wortbildungssystems dienen können (vgl. Müller 1993, 409).
Nachdem solche Darstellungen für die Gegenwartssprache (L. Ortner u. a. 1991) sowie das Mittelhochdeutsche (Klein, Solms, und Wegera 2009) vorliegen, soll nun ein Beitrag dazu geleistet werden, die Lücke für das Althochdeutsche zu schließen, indem die Substantivkomposition im Übersetzungswerk Notkers des Deutschen untersucht wird. Die dort belegten Substantivkomposita werden vollständig exzerpiert und in ihrer aktuellen Bedeutung bestimmt.
Ausgehend von der Bedeutung eines Kompositums wird dann die Kompositionsbedeutung ermittelt, d.h. in welcher Relation die beiden Konstituenten zueinander stehen, um die Bedeutung des Kompositionsprodukts zu ergeben. Diese Kompositionsbedeutungen der einzelnen Komposita werden dann abstrahiert und verschiedenen semantischen Klassen zugeordnet.
So gelangt man zu einer vollständigen Beschreibung des Systems der Substantivkomposition in den Schriften Notkers, was dann auch die Möglichkeit zu einer systematischen diachronen Darstellung der Substantivkomposition vom Althochdeutschen bis in die Gegenwartssprache eröffnet. Darüber hinaus ermöglicht die vollständige Erfassung der notkerschen Substantivkomposita noch Aufschlüsse darüber, wie dieser Autor sich des Mittels der Komposition bedient, wo es in seinen Übersetzungen theologischer oder philosophischer Texte gilt, adäquate Bezeichnungen für Begriffe zu finden, die der Volkssprache bislang fremd waren.

Klein, Thomas, Hans-Joachim Solms, und Klaus-Peter Wegera, Hrsg. 2009. Mittelhochdeutsche Grammatik. Teil III. Wortbildung. Bd. 3. Tu?bingen: Niemeyer.
Müller, Peter O. 1993. „Historische Wortbildung: Forschungsstand und Perspektiven“. ZfdPh 112: 394–419.
Müller, Peter O. 2002. Historische Wortbildung im Wandel. In Historische Wortbildung des Deutschen, hg von. Mechthild Habermann, Peter O. Müller, und Horst Haider Munske, 1–11. Reihe Germanistische Linguistik 232. Tübingen: Niemeyer.
Ortner, Lorelies, Elgin Müller-Bollhagen, Hanspeter Ortner, Hans Wellmann, Maria Pümpel-Mader, und Hildegard Gärtner. 1991. Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. 4. Hauptt., Substantivkomposita. (Komposita und kompositionsähnliche Strukturen 1). Sprache der Gegenwart LXXIX. Berlin/New York: de Gruyter.

Maren Eckart & Anneli Fjordevik (Falun/Borlänge, Schweden)
Vorreden in vormoderner Literatur von und über Frauen

Paratexte sind Begleittexte, die den Text an sich umgeben und verlängern und häufig auch die Rezeption steuern. Einen wichtigen Paratext im Sinne von Gérard Genette, der diesen Begriff geprägt hat, stellt das Vorwort dar. Ausgehend von seiner Definition des Vorwortes als jenes »transaktionales« Beiwerk, durch das ein Text zum Buch wird und als solches vor die Öffentlichkeit tritt, erfolgen im Beitrag Reflexionen über Vorworte von und über Frauen in vormoderner Literatur.

a) Weibliche Selbstbilder in Frauenliteratur um 1800 (Anneli Fjordevik)
Im ausgehenden 18. Jahrhundert und am Anfang des 19. Jahrhunderts wurde im deutschen Sprachraum streng zwischen Kunst und ,,nicht-Kunst” unterschieden. Eine intensive Diskussion über den sogenannten Dilettantismus und die Kunst wurde im Briefwechsel Goethes und Schillers geführt, wobei sie als gegensätzliche Wertsphäre erschienen: Der Dilettant arbeitet nach dem ersten Gefühlseindruck und sein Werk wird als Produkt der Natur, nicht der Kunst und des Könnens gesehen. Weiter wurde das dilettantische Werk als nicht-professionell betrachtet, was dazu führte, dass die gesamte Literatur von Frauen als dilettantisch gesehen wurde, denn die Vorstellung von einer Berufsschriftstellerin gab es im Denkhorizont dieser Epoche noch nicht. Oft wurden die Werke der Schriftstellerinnen anonym oder unter Pseudonym publiziert. Mentoren haben sich auch eingemischt und versucht, ihre Stimmen den ,,unerfahrenen” weiblichen Schriftsteller zu verleihen. Immerhin gab es Frauen, die unter eigenem Namen publizierten und in Vorworten selbst zum Wort kamen. In diesem Vortrag sollen ein paar Vorworte gelesen und analysiert werden, z.B. in Werken von Friederike Helene Unger und Caroline Auguste Fischer, um ein Bild davon zu bekommen, wie die Frauen selbst ihre Autorschaft aufgefasst haben.

b) Gattungs- und genderbezogene Metareflexionen in frühneuzeitlichen Regentinnenbiographien (Maren Eckart)
Die Gattung Biographie, die sich an der Schnittstelle von historischer »Wahrheit« und Fiktion befindet, war im 17. und frühen 18. Jahrhundert im Begriff, sich genremäßig zu formieren. Die häufig anonymen Verfasser von Lebensschilderungen empfanden daher den Zwang, sich anderen Textsorten gegenüber abzusetzen und ihre eigene Erzählform zu rechtfertigen, was in der Regel in Vorworten geschah. Da Biographien von einer spezifischen Erzählabsicht getragen und mit der biographischen (Re-)Konstruktion zugleich Geschlechterkonstruktionen geschaffen werden, ist zudem die Wahl des biographischen Objektes von besonderem Interesse. Wenn dieses biographische Objekt beispielsweise eine Regentin war, die von ihrer sozialen Rolle her mit normierenden Geschlechterrollen brach, mussten die Verfasser Gründe für ihre Biographiewürdigkeit in einer traditionell eher männlichen Erzählform finden. Der Beitrag möchte an Hand von Beispielen veranschaulichen, wie Biographen durch paratextuelle Metareflexionen in Vorworten den Erzähltext als eine spezifische Gattung und die Wahl des biographischen Objektes zu legitimieren versuchen.
Edith Ekberg (Lund, Schweden)
Frei vs. fakultativ. Über die Dativphrase in der ditransitiven Konstruktion im Deutschen aus einer kognitiven Perspektive

Es ist bekannt, dass die Dativphrase in ditransitiven Konstruktionen im Deutschen entweder als freier Dativ oder als lexikalisch erfordertes, u. U. aber nur fakultativ realisiertes Dativobjekt kategorisiert werden kann.
Der Referent einer freien Dativphrase in ditransitiven Konstruktionen wird i.A. als der von der Handlung des Agens Betroffene interpretiert. In Sätzen mit Verben des Schaffens und Beschaffens, wie z. B. backen und kaufen, kann er jedoch auch als potenzieller Rezipient verstanden werden. In diesen Fällen ist die Rezipientenrolle nicht — im Unterschied zu den ditransitiven Verben wie z. B. schicken — im Rolleninventar des Verbs enthalten.
Sowohl die Fakultativität als auch die freie Hinzufügbarkeit einer Dativphrase lässt sich in Anlehnung an Langacker (1987, 1993) und Goldberg (1995) mit dem Terminus „konstruktionelle Profilierung“ festhalten. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass nicht das Verb selbst, sondern das syntaktisch-semantische Muster der ditransitiven Konstruktion eine syntaktische Position bereithält, in das ein Argument eingesetzt werden kann. Auf diese Weise wird eine nicht overt realisierte Rezipientenrolle kognitiv salient gemacht und dem Argument, das sie trägt, der Status des indirekten Objekts verliehen.
Dennoch besteht zwischen der „Freiheit“ und der Fakultativität einer Dativphrase ein Unterschied, der erst anhand der Applizierung des Konzepts der kausalen Kette von Langacker (1987, 1993) und Croft (1998) auf die ditransitiven Konstruktionen offensichtlich wird. In diesem Konzept spielen auch der Standort des Betrachters und die Weite des Blickwinkels eine Rolle. Bei der Betrachtung eines ditransitiven Geschehens wie schicken befindet sich die potenzielle Etablierung einer possessiven Relation zwischen dem geschickten Objekt und dem Rezipienten innerhalb der lexikalisch vorgegebenen Betrachtungsperspektive. Bei der Betrachtung eines Geschehens wie jemandem etwas backen/kaufen liegt die potenzielle Etablierung der possessiven Relation zwischen dem Objekt und dem Rezipienten hingegen außerhalb der von den Verben kaufen/backen aufgespannten Betrachtungsperspektive. Dies erklärt, warum Konstruktionen mit ditransitiven Verben eine dekomponierte, ditransitive Konstruktionen mit Verben des Schaffens/Beschaffens hingegen eine zusammengesetzte Ereignisstruktur haben.

Benedikt Faber (Greven, Deutschland)
Axt in uns oder Brett vor dem Kopf? Zum Stellenwert von Literatur und Literaturunterricht für die Schülerschaft von heute – Empirische Befunde, Fragen, Konsequenzen

Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie inspirierend und bewegend literarische Texte sein können, wie sich einem das Handeln einer Romanfigur, die Symbolik eines Märchens oder das Pathos eines lyrischen Ich eingeprägt hat. Solch einschneidende fiktionale Begegnungen können einem durchaus oder gerade in jungen Jahren widerfahren, sie finden jedoch vergleichsweise selten im Klassenzimmer statt. Es scheint fast, als passten sie nicht recht in einen institutionalisierten Rahmen, wie ihn die Schule darstellt, obwohl doch die deutschen Bildungspläne der Auseinandersetzung mit Literatur im Unterricht eine große Bedeutung beimessen.
In meinem Vortrag möchte ich mich den Fragen widmen, welchen Stellenwert Literatur für deutsche Schülerinnen und Schüler von heute hat und welche Rolle in dieser Beziehung der Deutsch- oder genauer gesagt der Literaturunterricht spielt bzw. spielen sollte. Auf Basis von Fragebögen zu Literatur im Allgemeinen und Literaturunterricht im Besonderen soll zunächst die Schüler-Sicht wiedergegeben werden; befragt u. a. nach der Bedeutung des Lesens, der Lesesozialisation, dem heutigen Leseverhalten sowie der Haltung zu schulischem Lektürekanon und dessen unterrichtlicher Rezeption und Analyse wurden angehende Abiturienten diverser staatlicher und privater Gymnasien (in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg) sowie zwei deutscher Auslandsschulen. Diese Positionen sind im Folgenden einerseits mit den allgemeinen Richtlinien/Vorgaben der Kultusministerien und andererseits mit dem Stand der Literaturdidaktik und ihrer Forderungen abzugleichen. Abschließend wird zu diskutieren sein, ob (und wenn ja, welche) neue(n) Ansprüche an Literaturkanons, Lehrerausbildung sowie letztlich den Literaturunterricht aus den Ergebnissen der Befragung abzuleiten sind. Angesichts der internationalen Ausrichtung der Tagung dürfte es zudem spannend sein, sich über Erfahrungen und Anregungen aus anderen Ländern auszutauschen.

Arash Farhidnia (Vilnius, Litauen)
Die distinktive Synonymik als Basis für die zweisprachige Lexikographie

Die Praxis der modernen zweisprachigen Lexikographie ist gekennzeichnet durch ein benutzerzentriertes Konzept, das den raschen Kommunikationserfolg im Auge hat und daher den raschen Zugriff auf Einzelinformation sicherstellen soll. Um dieser Maxime zu genügen, werden im zweisprachigen Wörterbuch lexikalische Einheiten aus zwei Sprachen alphabetisch angeordnet und aus der einen in die andere Sprache übersetzt.
Diese gängige Praxis täuscht jedoch eine Gleichheit zwischen den dargestellten Wortschätzen vor, die in dieser Weise nicht existiert. Sämtliche Brüche und Ungleichheiten, die zwischen zwei Wortschätzen bzw. lexikalischen Systemen existieren, werden durch das Prinzip der Übersetzung im Verein mit der alphabetischen Anordnung nivelliert. So interpretiert der Wörterbuchbenutzer die fremde Sprache stets nach der Maßgabe seiner Muttersprache und hat folglich keine Chance, in die Welt der fremden Sprache wirklich einzudringen.
Der Vortrag verfolgt das Ziel, auf einige Probleme und Schwächen des zweisprachigen Wörterbuchs, die sich aus einer falsch verstandenen und zu einseitig auf vermeintliche Benutzerbedürfnisse abgestimmten Maxime ergeben, hinzuweisen. Es soll dann ein alternatives Modell vorgeschlagen werden, das nicht so sehr den raschen Kommunikationserfolg im Auge hat, sondern eine möglichst adäquate Einsicht in die lexikalischen Inkongruenzen der behandelten Wortschätze gewähren will.

Mirjam Gebauer (Aalborg, Dänemark)
Ökopoetiken in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Seit den 1980er Jahren wurde in der deutschen Literaturdebatte eine politische oder moralische Funktion der Literatur verabschiedet und damit auch die apokalyptische Öko-Literatur als obsolet betrachtet. Berühmt in diesem Zusammenhang Enzensbergers Aussage: ”Wir haben Heinrich Böll verloren. Aber dafür haben wir Amnesty und Greenpeace.” Doch mit der schockartigen globalen Bewusstwerdung der Klimakrise scheint sich auch die Möglichkeit oder gar Notwendigkeit einer engagierten (ökologischen) Literatur aufs Neue zu stellen. Auf der Tagesordnung der ’ernsthaften Literatur’ finden sich wieder Themen wie Klimawandel und Umweltprobleme, die in den letzten Jahrzehnten – zumindest im deutschsprachigen Raum – eher einer spezialisierten Science-Fiction-Literatur vorbehalten waren, darunter die Bestseller von Frank Schätzing.
Der Vortrag präsentiert einige, möglichst verschiedenartige, Beispiele der neuen Klimawandel-Literatur, u.a. Schätzings Ökothriller Der Schwarm (2004) und Limit (2009) sowie sein Sachbuch Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise durch die Meere (2006) und Ilija Trojanows Roman EisTau (2011). Die Frage ist, was verschiedene Schreibweisen und Genre, u.a. Thriller und semi-fiktionale, populärwissenschaftliche Darstellung, zur Darstellung der Klimathematik leisten. Denn wie der Literaturforscher Richard Kerridge beobachtete, macht sich beim Klimawandel ein besonderes Repräsentationsproblem geltend: ”For readers in the West, environmental issues are much more the stuff of potentiality than of actuality: tomorrow rather than now, elsewhere rather than here, a crisis building rather than a crisis reached.” (”Ecothrillers: Environmental Cliffhangers”, in: The Green Studies Reader: From Romanticism to Ecocriticism, Routledge 2000, 242-249) Es müsste demnach gelingen, der ‘Abstraktheit’ des Klimawandels die konkrete literarische Darstellung entgegenzusetzen und dabei womöglich auch das Konzept einer zeitgemäßen engagierten Literatur zu entwickeln.

Klaus Geyer (Odense, Dänemark)
Was leisten (morpho-)phonologische Regeln bei der Beschreibung des Gegenwartsdeutschen?

Die Phonologie, verstanden als die Beschreibung und Analyse der systematischen lautlichen Repräsentation von Sprache, ist eine wenig geliebte linguistische Teildisziplin im Fach Deutsch – vor allem in der „Auslands“germanistik (bzw. DaFiA). Die Ursache hierfür liegt wohl einerseits daran, dass die Phonologie bedeutungsunterscheidende und eben nicht bedeutungstragende Einheiten fokussiert, und andererseits im teilweise recht hohen Abstraktionsgrad mancher phonologischer Ansätze begründet.
Nun sind einzelne, punktuell auf phonologische Gegebenheiten rekurrierende Regularitäten, die oftmals als Regeln formuliert werden, auch im Fach DaFiA durchaus geläufig: Man denke nur an den weithin bekannten und sehr robusten Zusammenhang von Wortakzent und der möglichen (oder eben nicht möglichen) „Trennbarkeit“ von Verbpartikeln bzw. Verbpräfixen; an die sog. Auslautverhärtung (bei der die Formulierung der Regularitäten allerdings stark variiert), oder an die Arbeiten von Köpcke & Zubin, denen zufolge einige Korrelationen zwischen der phonologischen Form des Wortausgangs bestimmter Substantive und ihrem Genus bestehen. Wie in meinem Vortrag gezeigt wird, lässt sich auch die meist nur unter Zuhilfenahme von Aufzählungen, Ausnahmen und Idiosynkrasien beschriebene Allomorphie des Suffixes für die 2. Person Singular im Präsens und Präteritum (also -st vs. -est, vgl. du knetest/knetetest vs. du trittst/tratst, du kamst vs. du atmest usw.) systematisch in eine einfache, phonologisch basierte Regel fassen – was jedoch nicht möglich ist, ohne auf das Konzept der Silbe und ihrer Sonoritätskontur zurückzugreifen. Anhand dieses konkreten Beispiels soll diskutiert werden, ob die „Kosten“ einer solchen Regel den „Nutzen“ übersteigen, inwieweit also die (Güte-)Kriterien Reichweite, Gültigkeit, Stärke und Gebrauchswert, die für jede Regel wesentlich sind, erfüllt sind – und ob nicht Grundkenntnisse der Struktur von Silben ohnehin Bestandteil jeder (meta)sprachlichen Ausbildung sein sollten.

Michael Grote (Bergen, Norwegen)
Hörspiel, Soundscape, Radiokunst – zur Geschichte und Gegenwart der akustischen Kunst

Die akustische Kunst hat sich in ihrer knapp hundertjährigen Geschichte stark ausdifferenziert. Der geplante Beitrag unternimmt eine historische Bestandsaufnahme radiophoner Ästhetik von ihren Anfängen bis in die Gegenwart, die das Feld akustischer Spielformen im Radio im Zusammenhang von Literatur-, Kunst-, Technik- und Mediengeschichte verortet. Mit Blick auf einige Produktionen aus den letzten Jahren soll weiterhin versucht werden, aktuelle Tendenzen der Entwicklung akustischer Kunst aufzuzeigen.

Frank Thomas Grub (Göteborg, Schweden)
In Stockholm? Text-Bild-Beziehungen in Reisebüchern aus der DDR

Obwohl den meisten Bürgerinnen und Bürgern der DDR bis zur ‚Wende’ Reisen in den Westen verwehrt waren, beschäftigen sich diverse, vor allem in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre erschienene Bücher mit dem sog. ‚kapitalistischen’ Ausland.
Fast alle dieser Bücher enthalten zahlreiche Fotografien und/oder Abbildungen, die in unterschiedlicher Beziehung zu den jeweiligen Texten stehen: In manchen Fällen sind die Bilder völlig losgelöst, in anderen illustrieren sie die Texte, in wieder anderen sind sie mit ausführlichen Bildunterschriften versehen, die wiederum eigene Subtexte bilden. Insgesamt fällt auf, dass in den Texten selbst nur selten explizit Bezug auf die Bilder genommen wird. Unabhängig davon scheinen diverse Fotografien, beispielsweise in Hermann Kants und Lothar Rehers Band „In Stockholm“ (1971), nur bedingt ortsspezifisch zu sein, d.h. die Bilder könnten ebenso gut anderswo aufgenommen worden sein.
Vor diesem Hintergrund versucht der Vortrag Fragen nach den möglichen Funktionen der Bilder und ihrer Beziehung zu den jeweiligen Texten zu beantworten. Betrachtet werden soll auch, ob es eine historische Entwicklung gibt, die – so die These – von politisch funktionalisierten hin zu eher touristisch geprägten Aufnahmen reicht. Mit einbezogen werden dabei Dokumente aus Archiven, wo zugänglich auch die jeweiligen ‚Druckgenehmigungsverfahren’.

Åsta Haukås (Bergen, Norwegen)
Eine kontrastive Analyse der Informationsstruktur in muttersprachlichen und fremdsprachlichen Texten

Bohnacker & Rosén (2008) untersuchten in ihrer Studie zu Transfer-Prozessen von L1 zu L2 die Informationsstruktur von Aussagesätzen schwedischer Deutschlernenden. Bei dem Vergleich zwischen Textkorpora in L1-Deutsch und -Schwedisch fiel auf, dass die schwedischen Deutschlernenden dazu neigten, sich hinsichtlich der Informationsstruktur stärker an schwedischen Mustern zu orientieren als an den deutschen. Dieser Transfer der schwedischen Struktur führt dazu, dass die Texte in den Ohren von Deutsch-Muttersprachlern seltsam klingen.
Unserem Forschungsprojekt liegt die Studie von Bohnacker & Rosén (2008) zu Grunde. Da sich Norwegisch und Schwedisch hinsichtlich ihrer Informationsstruktur in Aussagesätzen sehr ähnlich sind, wollten wir untersuchen, ob auch die norwegischen Deutschlernenden ihre zielsprachlichen Texte eher wie in ihrer L1 strukturieren. Um einen Korpus geschriebener Texte unter möglichst gleichen Voraussetzungen zu erhalten, wählten wir  etwas andere Prozedur der Datensammlung als Bohnacker & Rosén: Alle Teilnehmenden schrieben unter Beaufsichtigung einen argumentativen Text über die Klimakrise. Die Texte der deutschen und norwegischen L1-Korpora wurden von 18 Jahre alten Schülerinnen und Schüler in der gymnasialen Oberstufe in einer Deutsch- bzw. Norwegischstunde verfasst. Der L2-Korpus besteht aus den Texten von Deutsch-Studierenden einer norwegischen Universität.
Unsere kontrastive Analyse zeigt, dass die norwegischen L2-Deutschlernenden nicht dazu tendieren, ihre muttersprachliche Informationsstruktur zu „kopieren“ und ins L2-Deutsche zu übertragen. Die Informationsstruktur ist aber auch mit dem L1-Deutschen nicht identisch, sondern nimmt eine Zwischenposition zwischen den beiden Sprachen ein. Norwegische L2-Lernende des Deutschen scheinen zum großen Teil die frequentesten Strukturen der beiden Sprachen implizit zu bemerken und diese auch zu verwenden. Diese Studie und deren Ergebnisse können im Fremdsprachenunterricht verwendet werden, um die Bewusstmachung der Lernenden in Bezug auf informationsstrukturelle Unterschiede zwischen der L1 und der L2 zu erhöhen

Bohnacker, U. & Rosén, C. (2008) The clause-initial position in L2 German declaratives: Transfer of information structure. Studies in Second Language Acquisition 30, 4: 511-538.

Anke Heier (Aarhus, Dänemark)
Neopurismus in gegenwärtigen deutschen Sprachkontaktwörterbüchern. – Ein Beitrag über den Anglizismendiskurs.

Betrachtet man das Wörterbuchangebot zum sog. Fremdwortschatz des Deutschen nach seiner intentionalen Ausrichtung und seiner lexikografischen Gestaltung, so scheinen puristische Wörterbücher, v.a. solche, die namentlich der wortersetzenden Verdeutschung dienen sollen, nach 1945 keine Rolle mehr zu spielen. Zwar wird bis zum Beginn der 1970er Jahre in einigen worterklärenden Nachschlagewerken weiterhin puristisch – genauer sprachstrukturell und sprachkritisch – argumentiert, doch schlägt sich das nicht in den lexikografischen Entscheidungen nieder.
Mit der von Jung (1995), Pfalzgraf (2006) und Spitzmüller (2005) für die Zeit seit Mitte der 1990er Jahre festgestellten Wende im außerlexikografischen puristischen Diskurs in Richtung institutionalisierte und re-nationalisierte, wenn auch selektive Anglizismenkritik setzt auch die lexikografische Beschäftigung auf diesem Gebiet wieder ein. Quantitativ ist sie nicht auffällig, aber qualitativ schließt diese Beschäftigung an die Inhalte und Einstellungen der Zeit vor 1945, genauer an die Arbeiten des ADSV an. Das Zentrum bildet das Wörterbuch überflüssiger Anglizismen. Es ist das erfolgreichste Wörterbuch seiner Art im deutschen Sprachraum und steht dem gegenwärtig sehr populären Sprachverein in Deutschland, dem Verein Deutsche Sprache e. V. nahe. Es wird mittlerweile vom Anglizismen-Index des Vereins abgegrenzt. Im Vortrag soll das Wörterbuch lexikografisch und programmatisch vor dem Hintergrund der Grundsätze und Ziele des VDS sowie eingebettet in den Zusammenhang des puristischen Wörterbuchstranges im Deutschen betrachtet werden. Dabei werden auch verschiedene Auflagen des Buches verglichen, um zu ermitteln, ob und wie die Autoren auf Zuspruch bzw. Kritik von außen und auf sprachliche Entwicklungen reagiert haben.

Irmeli Helin (Turku, Finnland)
Audiovisuelle Übersetzung in der Universitätsdidaktik

In diesem Beitrag betrachte ich die Rolle der audiovisuellen Übersetzung aus dem Deutschen ins Finnische in der Ausbildung der Übersetzer auf dem Universitätsniveau. An der Universität Turku, Finnland werden dafür sowohl Untertitelung der Fernseh- und Dokumentarfilme verwendet als auch Synchronisierung der geschichts- und kulturwissenschaftlichen Dokumentarfilme durch einen Sprecher oder der Spielfilme durch Dialog mehrerer „Schauspieler“. Diese wurden von meinen Studierenden im Unterricht anhand eines ausführlichen Manuskripts übersetzt und untertitelt bzw. für die Synchronisierung bearbeitet. Ich betrachte diese Übersetzungen und vergleiche sie mit dem Originaltext. Was wurde weggelassen und warum? Was wurde hinzugefügt oder einfach verändert? Welche von diesen Modifikationen waren kulturbedingt, d.h. fanden wegen der Unterschiede zwischen der deutschen und finnischen Kultur statt?

Martin Hellström (Borås, Schweden)
Fabelhaft: Ameise und Grille, gegrillte Ameisen und gute Ratschläge für Grillen – Plädoyer für genaues Lesen im (fremdsprachlichen) Literaturunterricht

Der Beitrag beschäftigt sich mit dem Fabelmotiv von Ameise und Grille von der Antike bis zur Neuzeit (Schülertexte aus Göteborg aus dem Jahr 2001). D
abei wird auf die Bedeutung sowohl des jeweiligen zeitlichen und kulturellen Kontextes wie auch der unterschiedlichen Genres in Bezug auf die Charakterisierungen der Fabeltiere eingegangen, die in den Texten entsprechend mutiert, fusioniert oder substituiert werden können. Die intertextuelle, komparatistische Beschäftigung mit Fabeln vermittelt nicht nur ein entsprechendes literarisches und kulturelles Wissen, sondern schult auch ein genaues Lesen, da die Unterschiede in den Texten oft nur auf wenige Worte begrenzt sind. Die propädeutische Bedeutung des genauen Lesens kann nicht genug betont werden sowohl für den Literatur- als auch für den Sprachunterricht. Dort bieten sich Fabeln nicht zuletzt als eine Schulung auch für einen kreativen Umgang mit literarischen Texten an.

Ragnhild Maria Hauglid Henden (Oslo, Norwegen)
Archive der Verschwörung. Antisemitische Konspirationstheorien in der Literatur

Konspirationstheorien erleben in Krisenzeiten einen Aufschwung. Aber was soll eigentlich das Theoretische an solchen Konzepten sein? Vorstellungen von Verschwörung und Konspiration sind eine Mischung von Angst, unklaren Feindbildern und verwirrten Weltanschauungen, oft unter einem pseudowissenschaftlichen Firnis. Ich schlage in diesem Vortrag vor, dass die Anwendung des Begriffs der Konspirationstheorie ein schlechtes Theorieverständnis voraussetzt, denn wie literarische Bearbeitungen dieser Thematik deutlich machen, hat jenes Phänomen keinen wissenschaftlichen Inhalt.
Der Vortrag zeigt anhand von Textbeispielen aus den letzten 150 Jahren wie die gleiche Vorstellung vom verschwörerischen Juden ständig neu variiert werden. Texte über Konspiration bauen auf einander auf, indem sie den Kern ihrer Vorstellungen aus dem gleichen Archiv holen, das virtuelle antisemitische Archiv. Solche Schichten von Texten zeigen wie verschiedene Thematisierungen von Verschwörungsgedanken durch eine Relation verbunden sind, die nicht notwendigerweise intertextuell ist.

Kjetil Berg Henjum (Bergen, Norwegen)
Ableitungen auf -erei, -elei, -enei, -arei und -anei aus der Perspektive einer eng verwandten Sprache

Im Norwegischen werden Wörter, die auf -eri enden, vor allem dazu verwendet, »Institutionen« (z.B. bryggeri) zu bezeichnen. Diese Verwendung gibt es auch im Deutschen (z.B. Brauerei), aber zusätzlich gibt es jede Menge von Wörtern auf z.B. -erei, die verwendet werden, um wiederholte Handlungen/Tätigkeiten herabsetzend zu bezeichnen (z.B. Forscherei, Rezensiererei). Diese Vewendungsweise gibt es auch im Norwegischen (z.B. anmelderi), aber bei weitem nicht so häufig wie im Deutschen. Dieser Beitrag setzt sich mit deutschen Ableitungen mit den oben genannten Endungen auseinander und beleuchtet u.a. Verstehensprobleme, die entstehen, wenn man das zugrunde liegende Verb nicht kennt und/oder das Substantiv im Wörterbuch nicht nachschlagen kann, weil es dort nicht steht. Außerdem wird die Frage angeschnitten, mit welchen Übersetzungsproblemen der Worttyp bei der Übersetzung ins Norwegische verbunden ist.

Henrik Henriksson (Lund, Schweden)
Progressivität und Zustände im Deutschen und Schwedischen

Progressivität stellt als Teilbereich der Aspektualität eine konzeptuelle Kategorie dar (Henriksson 2006), die in der Tradition von Smith (1991) zwei Ebenen aufweist:

  • Situationstypen: Unterschiede im Hinblick auf die interne temporale Struktur einer Situation, z.B. zwischen Zuständen (states) und dynamischen Situationstypen
  • Blickwinkel: bestimmte Arten der Betrachtung, oder Perspektivierung einer Situation, z.B. der progressive Blickwinkel (oder Progressivität)

Beim progressiven Blickwinkel wird die Situation in ihrem Verlauf – und somit als  „dynamisch” – dargestellt, wodurch die Grenzen der Situation in den Hintergrund gerückt werden. Typologisch gesehen erfolgt die sprachliche Abbildung der Progressivität u.a. durch grammatischen Aspekt, wie die englische Verlaufsform, aber sie kann auch durch nur teilweise grammatikalisierte Konstruktionen, wie die im Deutschen und Schwedischen vorkommenden progressive markers, abgebildet werden, vgl. z.B. die Konstruktionen mit am+Infinitiv oder hålla på.
Mit dem progressiven Blickwinkel passen aus aspektuell-konzeptuellen Gründen bestimmte Situationstypen schlecht zusammen. In der Literatur wird in diesem Zusammenhang oft auf die Inkompatibilität der Progressivität (in erster Linie der englischen Verlaufsform) und states hingewiesen. Situationen, in denen „nichts stattfindet“ können dabei nur schwer als „dynamisch“ präsentiert werden. Als Gegenargument kann aber auf Beispiele wie I´m sitting oder I´m being tired hingewiesen werden, die insofern als Zeichen für den hohen Grammatikalisierungsgrad der englischen Verlaufsform gelten können, als sie zeigen, dass die Verlaufsform z.T. auch mit unprototypischen Situationstypen kombiniert werden kann. Im Vortrag wird nun die Frage gestellt, ob und gegebenenfalls wie solche  „progressiven Zustände“ in Sprachen wie Deutsch und Schwedisch zum Ausdruck kommen können. Dabei sollen  unterschiedliche Typen sowohl von progressive markers als auch von states analysiert werden.

Ebert, Karen. H. 2000. Progressive Markers in Germanic Languages. In Tense and Aspect in the Languages of Europe, hrsg. von Östen Dahl, 605-653. Berlin/New York: Mouton de Gruyter.
Henriksson, Henrik. 2006. Aspektualität ohne Aspekt? Progressivität und Imperfektivität im Deutschen und Schwedischen Stockholm: Almqvist & Wiksell International. [Lunder germanistische Forschungen 68].
Rothmayr, Antonia. 2009. The Structure of Stative Verbs. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins.
Smith, Carlota.S.1991. The Parameter of Aspect. Dordrecht/Boston/London: Kluwer. [Studies in Linguistics and Philosophy 43].

Irina Hron-Öberg (Stockholm, Schweden)
„ich aber möchte eine Nänie und Threnodie über dieselben schreiben”. Prekäre Nachbarschaft in Prosatexten nach 1900

Wortreich empört sich Arthur Schopenhauer in seinem kleinen Text Über Lerm [sic] und Geräusch über die Unempfindlichkeit minderer Geister gegen sich von außen aufdrängende Geräusche. Kurzerhand unterstellt er jenen „auch unempfindlich gegen Gründe, gegen Gedanken, gegen Dichtungen und Kunstwerke [zu sein]“ (Schopenhauer 1851). Der Lärm, die impertinenteste aller Unterbrechungen, die „sogar unsere eigenen Gedanken unterbricht, ja, zerbricht“ (ebd.) treibt das ausgesetzte Subjekt rücksichtslos an den Rand des eben noch Erträglichen. Die Bildlichkeit von einem Trennenden, wie sie mit dem Trommelfell, dieser hauchzarte ›Hörhaut‹, ins Spiel gebracht wird, ist entscheidend auch für die Figur der Nachbarschaft, wie sie im skizzierten Vortrag reflektiert werden soll. Auch vom Nachbarn trennt bloß eine säuberlich aufgezogene Membran – die dünne (Zimmer)wand. Und so ist es für den Behauser der Nebenwohnung in Kafkas Der Nachbar ein Leichtes, sich Leben und Geschäft des Anderen sukzessive anzueignen, indem er schnurstracks sein Kanapee an die Wand rückt und horcht (vgl. Kafka 1917). Schon bei Strindberg, etwa im Inferno, wird durch Wände hindurch Wissen und Leben ausgesaugt und in der 50. Aufzeichnung von Rainer Maria Rilkes Malte Laurids Brigge stellt Malte unumwunden fest: „Ich könnte einfach die Geschichte meiner Nachbaren schreiben; das wäre ein Lebenswerk.“ (MLB, 49). Wie die Poetik eines solchen Werkes zu denken wäre, danach soll gefragt werden, aber auch, wie es um die Gestalt des Nachbarn bestellt ist, die zwischen einer subtilen Spielart der ›Figur des Zweiten‹ und einer  Doppelgängergestalt changiert. Allerdings ist es immer nur der eine Part, dessen merkliche Anwesenheit einen Abdruck im Gehör des Anderen hinterlässt. Man denke etwa an Palmède Bernardin aus Amelie Nothombes Les Catilinaires, einen der nervtötendsten Nachbarn der Literatur des 20. Jahrhunderts, der sich unbarmherzig in Haus und Hirne eines ältlichen Gelehrtenehepaars einnistet. Zur Diskusion gestellt wird, auf welche Weise Intimität und Distanz in sämtlichen der genannten Texte eine Schnittmenge ausbilden, welcher der Nachbar – lärmend – entsteigt.

Espen Ingebrigtsen (Bergen, Norwegen)
Lesen und Schreiben in Erinnerungsromanen der Gegenwartsliteratur

Der Vortrag geht auf die Lektüre von Texten aus dem familiären Nachlass und die Reflexion über das eigene Schreiben in Monika Marons Pawels Briefe, Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders und Stephan Wackwitz’ Ein unsichtbares Land ein. Ich vergleiche Motive des Lesens und des Schreibens mit besonderem Blick auf die erzählerische Rezeption von Tagebüchern, Briefen und Urkunden durch Zitate und poetologische Konzepte aus der Literaturgeschichte. Von den intertextuellen Strategien ausgehend möchte ich für die These argumentieren, dass die Schreibprozesse eine Verhandlung zwischen individuellen und öffentlichen Vergangenheitsdiskursen bewirken, die die Familiengeschichte(n) mit Hilfe der Literaturgeschichte formt und prägt.

Merle Jung (Tallinn, Estland)
Möglichkeiten des integrierten Inhalts- und Sprachlernens an estnischen Schulen

Eine der Aufgaben der Schule ist, den Erwerb von Handlungsfähigkeiten der Schüler in einer interkulturellen und mehrsprachigen Welt zu unterstützen. Um dieses Ziel zu erreichen, reicht der traditionelle Fremdsprachenunterricht häufig nicht mehr aus. Aus diesem Grund wird in letzter Zeit immer mehr über das integrierte Inhalts- und Sprachlernen (content and language integrated learning – CLIL) gesprochen.
Das integrierte Inhalts- und Sprachlernen basiert auf der Hypothese, dass die Fremdsprache am besten erworben wird, wenn man sich im Unterricht nicht so viel auf die Sprache – ihre Formen und Strukturen – sondern auf die Inhalte, die durch die Sprache übermittelt werden, konzentriert.  Die didaktischen Konzeptionen von CLIL reichen vom Fremdsprachenlernen über Fachinhalte bis zum Fachunterricht in einer Schulfremdsprache. Ein möglicher dritter Weg liegt im Schnittpunkt von Sachfach- und Fremdsprachendidaktik, d. h. in einer integrierten Perspektive von beiden didaktischen Modellen.
Mit dem integrierten Inhalts- und Sprachlernen werden vor allem folgende Ziele angestrebt:

  • Förderung interkulturellen Lernens durch den Einbezug fremdsprachiger Texte und dadurch die Eröffnung anderer Perspektiven auf das Sachfach;
  • Förderung der Mehrsprachigkeit;
  • Entwicklung von Kompetenzen für lebenslanges Lernen, z. B. der Fähigkeit, fremdsprachigen Fachtexten die wichtigsten Informationen zu entnehmen;
  • individuelle Förderung von allen Schülern durch Binnendifferenzierung.

Das neue staatliche Curriculum Estlands für die 9-klassige Schule von 2010 legt fest, dass der Erwerb von Fremdsprachen in Kooperation und Integration mit anderen nicht-sprachlichen Fachbereichen erfolgen soll und das integrierte Inhalts- und Sprachlernen gefördert werden muss. Das Curriculum wird seit September 2011 implementiert und es besteht die Notwendigkeit, nach Möglichkeiten und Modellen zu suchen, wie diese Herausforderung am besten zu bewältigen wäre. Im Vortrag wird unter anderem ein Überblick darüber gegeben, welche Formen des integrierten Inhalts- und Sprachlernens im estnischen Bildungssystem schon praktiziert werden und welche Möglichkeiten noch ausprobiert werden sollten.
Gute Fremdsprachenkenntnisse bilden die Grundlage der Bildung des 21. Jahrhunderts. Daher gehört die Effektivität des Fremdsprachenlernens zu den Schlüsselfragen unserer Zeit.

Janika Kärk (Tallinn, Estland)
Änderung der kommunikativen Funktion des Satzes durch Abtönungspartikeln im Deutschen und im Estnischen

Modal- oder Abtönungspartikeln (AP) werden meistens als Wörter beschrieben, die im Satz kaum semantischen Inhalt haben und dementsprechend (fast) überflüssig sind. Man kann sie im Satz weglassen, ohne, dass der Satz grammatisch unkorrekt wird. Anders ist es bei der pragmatischen Funktion des Satzes, bei der AP eine entscheidende Rolle spielen können. Darüber hinaus, dass die AP kommunikationssteuernd, konnektierend und beziehungsaufbauend wirken, können die AP z.B. die kommunikative Funktion eines Satzes ändern. Aus dem Fragesatz: „Wer isst Fleisch?“, auf den man einen simplen Antwort über die Essenswünsche des Angesprochenen erwartet, wird durch das Einfügen der Partikel denn eine rhetorische Frage („Wer isst denn Fleisch!”), die keine Antwort braucht.
Im Vortrag werden die AP, die die kommunikative Funktion des Satzes ändern, kontrastiv unter Betracht gezogen. Dabei wird gezeigt, welche AP im Deutschen sowie im Estnischen die kommunikative Funktion verschieben können (z.B. Fragesätze, die einen Befehl oder Bitte ausdrücken) und inwiefern sich die AP in den untersuchten Sprachen übersetzbar sind. Dabei christallisieren die übersetzungsrelevante Charakteristika der AP heraus, so dass die konversationelle Verwendbarkeit der betreffenden AP festgestellt wird. Somit wirft die Untersuchung neues Licht auf die umstrittene Problematik der Übersetzbarkeit der AP aus dem Deutschen ins Estnische und umgekehrt.

Andreas F. Kelletat (Mainz/Germersheim, Deutschland)
Wem gehört die übersetzte Literatur? Plädoyer für eine interkulturelle Geschichte der in deutscher Sprache geschriebenen Texte

Dass sich durch das Übersetzen die deutsche Literatur seit Jahrhunderten immens bereichert hat, ist ein Gemeinplatz. Dennoch haben die übersetzten Texte nicht konsequent Eingang in die – nach wie vor erstaunlich deutsch-national organisierte – Literaturgeschichtsschreibung und -forschung gefunden. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit ins Deutsche übersetzter Literatur wird mal den Philologien der jeweiligen Ausgangssprachen, mal der Komparatistik, mal der „Auslandsgermanistik“, mal der Translationswissenschaft zugewiesen, weil nur von diesen Disziplinen die Frage nach der „Treue“ der Übersetzung beantwortet werden könne. Das Gros der ins Deutsche übersetzten Literatur landet dadurch allerdings zwischen allen Stühlen… Der Vortrag wird den Ort des ins Deutsche übersetzten Textes neu durchdenken und für einen veränderten Umgang mit ihm plädieren.

Julija Kokina (Riga, Lettland)
Diskurs zum Thema Wirtschaft in den öffentlichen Medien in Deutschland und Lettland. Interlingualer Vergleich und interkulturelle Interpretation

Mit der zunehmenden Internationalisierung der wirtschaftlichen Beziehungen in den letzten Jahre gewinnt immer mehr an Bedeutung die mündliche kommunikative Kompetenz. Der Beitrag verfolgt somit das Ziel, die linguistischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der mündlichen Kommunikation in den öffentlichen Medien (Sendungen, Debatten im Fernsehen) zum Thema Wirtschaft in Deutschland und Lettland vorzustellen und kontrastiv zu analysieren. Der Ausgangspunkt dafür ist die Beobachtung, dass  trotz der internationalen Verbreitung der Sendeformate und Muster, die den Verlauf und Aktivitäten der Sendungen bestimmen (Argumentation, Beschuldigungen, Vorwürfe u.a.), auch bestimmte nationale Eigenarten bestehen. Die Aufgabe dieses Beitrags ist, charakteristische Struktur- und thematische Merkmale der Sendung zum Thema Wirtschaft vorzustellen. Damit orientiert sich der Beitrag auf Themen-, Struktur- und Kontaktanalyse. Dabei werden in die Analyse auch paraverbale Äußerungen (z.B. durch Tonfall,  Akzentuierung, Schweigen u. a.) und nichtverbale Verständigung (z.B. mimisch, gestisch, über Blickkontakte) einbezogen. Es geht vor allem um die Beantwortung von Fragen: Wie wird die thematische Entwicklung gesteuert? Wer initiiert das Hauptthema der Sendung und wer bestimmt die Themenentfaltung? Wie geschieht ein Wechsel des thematischen Musters? Wie werden Vorschläge und Argumentation in das Gespräch eingebracht und wie wird ein Konflikt ausgetragen und geregelt? Welche strukturellen Interaktionsprobleme entstehen in den Debatten und welche Formen der Beteiligung/Selbstpräsentation herrschen vor?

Hannes Krauss (Duisburg-Essen, Deutschland)
Deutschland erzählen – Anmerkungen zur Poetik Uwe Johnsons

Uwe Johnson hat eine Charakterisierung als ‚Dichter beider Deutschlands‘ immer abgewehrt. Gleichwohl spiegelt seine Prosa, exemplarisch wie kaum ein anderes zeitgenössisches Werk, deutsch-deutschen Alltag in den Jahrzehnten der Teilung  wider. Die deutsche Zweistaatlichkeit – und die Geschichte, aus der sie resultierte – prägen nicht nur Inhalte und Themen, sondern auch Erzählweise und Sprache.
Mein Beitrag will, ausgehend von einem Gelegenheitstext, in dem Johnson sein Schreiben reflektiert („Berliner Stadtbahn [veraltet]“, 1961), diese Poetik skizzieren, sie mit Beispielen aus der Prosa konfrontieren und so illustrieren. Ein abschließender Seitenblick zeigt, dass solches – in reflektierender Zeitgenossenschaft gründende – ideologiekritische Erzählen auch von anderen Autoren (beispielsweise Klaus Schlesinger oder Hans Joachim Schädlich) gepflegt wird.

Alexander Künzli (Genf, Schweiz)
Schwedische Kriminalliteratur in deutscher Übersetzung

Die schwedische Kriminalliteratur erlebt im deutschsprachigen Raum seit Jahren einen Boom. Henning Mankells Kurt-Wallander-Reihe beispielsweise wurde bisher in mehr als 30 Millionen übersetzten Exemplaren abgesetzt, davon mehr als die Hälfte auf dem deutschsprachigen Markt. Eine genauere Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Schwedenkrimis von Seiten der Übersetzungswissenschaft drängt sich somit auf – auch deshalb, weil die Kriminalliteratur generell in quantitativer Hinsicht alle anderen Zweige der Literatur übertreffen dürfte. Die Literaturübersetzung stellt denn auch seit jeher einer der wichtigsten Forschungsbereiche der Übersetzungswissenschaft dar. Allerdings beschäftigt sich diese in erster Linie mit Höhenkammliteratur. Unterhaltsliteratur und insbesondere Kriminalliteratur spielt eine untergeordnete Rolle und war bisher selten Gegenstand systematischer Untersuchungen. Deshalb steht in einem laufenden Forschungsprojekt an der Universität Genf die Übersetzung schwedischer Kriminalliteratur ins Deutsche im Mittelpunkt. Ausmaß und mögliche Gründe für den Erfolg von Schwedenkrimis werden aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Methoden untersucht: (a) bibliometrische Untersuchungen (Anzahl übersetzter schwedischer Kriminalromane und Kriminalautoren ins Deutsche, Übersetzer [wer übersetzt welche Autoren?], Verkaufszahlen, Verlagshäuser), (b) vergleichende Analysen eines Korpus von professionellen Kritiken und Laienkritiken im Netz, (c) schriftliche Befragungen zu den Erwartungen und Präferenzen des Lesepublikums von schwedischer Kriminalliteratur. Erste Ergebnisse der bibliometrischen Untersuchung zeigen, dass die Gattung Schwedenkrimi im deutschsprachigen Raum nach einem Jahrzehnt der explosionsartigen Entwicklung nun in eine Phase der Konsolidierung einzutreten scheint, während der Vergleich von professionellen und Laienkritiken im Netz auf eine Kluft zwischen Lesern und professionellen Rezensenten hindeutet. Während Literaturkritiker wie auch die Autoren selbst gerne den gesellschaftskritischen Ansatz und die aufklärerische Botschaft der Werke in den Vordergrund stellen, scheinen Leser von einem Schwedenkrimi meist in erster Linie eines zu wollen: spannend unterhalten zu werden.

Tatjana Kuharenoka (Riga, Lettland)
Visualitätsstrategien im autobiographischen Raum. Der Fall Lou Andreas-Salomé

Lou Andreas-Salomé ist vor allem als Psychoanalytikerin, Freundin und Schülerin von Nietzsche, Freud und Rainer Maria Rilke bekannt,  viel weniger als Autorin, die verschiedene Modelle des autobiographischen Sprechens vorführt, die  von der Autobiographie über den autobiographischen Roman bis hin zum Versuch,  die Erinnerungen in Form eines Diariums  oder  der biographischen Studie reichen.
Indem die Autorin die Kategorie der Erinnerung dabei  sowohl als Information als auch als Verständigung und Kommunikation konzipiert, führt sie solche Modelle des Autobiographischen vor,  die im starkem Masse als visuelle Autobiographien aufgefasst werden können. In dem Bemühen,  das Vergangene in der Gegenwart präsent zu halten, geht es der Verfasserin vordergründig um die optische Projektion der Erinnerung. Der Vorgang des Erinnerns im autobiographischen Erzählen Lou Andreas-Salomés stellt dabei einen Willensakt dar, der im starken  Masse intermedial geprägt (vor allem ist hier an die Prinzipien der zeitgenössischen bildenden Kunst und Photographie zu denken) wurde, andererseits aber, spricht vieles auch dafür, dass hier sich bestimmte Einflüsse von Rainer Maria Rilke bemerkbar machten. Dabei werden die unterschiedlichen autobiographischen  Räume und Orte  –  Landschaften ( deutsche, finnische oder russische), Gärten, Parks, Wege, Routen, aber auch Haus, Zimmer oder beispielsweise das Pavillon, gleichzeitig visuell,  akustisch oder auch olfaktorisch wahrgenommen, das heißt, sie werden an die Körperlichkeit gebunden und treten dadurch  verstärkt als Erinnerungs / Erfahrungs- Räume hervor.
Die Möglichkeiten des Blicks, das Sehen als Praxis werden für Lou Andreas-Salomé zur wichtigen Voraussetzung der autobiographischen  Raum-Zeit-Bewältigung. Wobei die optisch vermittelte Darstellung nicht selten wenig mit den  konkreten Räumen, Orten oder Personen verbunden ist, sie stellt  vielmehr eine  Inszenierung des unmittelbaren Seherlebnisses dar.

Sandra J. Langer (Riga, Lettland)
Ernst Jünger und Erich Maria Remarque – Kriegsliteratur und Kriegsliteraturdiskurs im 20. Jahrhundert

Sowohl Ernst Jünger als auch Erich Maria Remarque gehören zu den großen deutschen Autoren von Literatur zum Thema Krieg, wenngleich mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Jünger, der glühende Verfechter der menschlichen Erhebung im Krieg und durch Krieg, Remarque hingegen der Pazifist, der das Leiden der Menschen im Krieg und durch Krieg in den Vordergrund stellt. Beide Autoren verkaufen in Deutschland schon zu Zeiten der Weimarer Republik enorme Auflagen und werden allerorts diskutiert. Im Nationalsozialismus emigiriert Remarque in die USA, Ernst Jünger ist in der Wehrmacht. Beide Autoren sind auch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf dem deutschen Buchmarkt präsent. Entscheidend sind jedoch die Positionen der beiden Autoren im literarischen Diskurs, denn durch sie wird ihre Rezeption bis in die Gegenwart geprägt. Denn das gesellschaftliche Klima der jungen Bundesrepublik begünstigt den Soldaten Jünger und verweigert dem Pazifisten Remarque die Anerkennung seines Schaffens mit Argumenten, die einer näheren Betrachtung wert sind. Der Umgang mit den beiden Autoren, speziell nach dem Zweiten Weltkrieg ist insofern bezeichnend, weil er spezifische Denk und Wertungsmuster aufzeigt, die im Gegensatz stehen zur Außendarstellung und dem angestrebten neuen Selbstverständnis der Bundesrepublik, die aber ihre Vergangenheit keineswegs überwunden hat. Ziel meines Beitrags ist aufzuzeigen anhand welcher diskursiver Mechanismen sich die Rezeption beider Autoren entwickelt und wie dies nicht nur ihre Rückkehr auf den Buchmarkt der Bundesrepublik beeinflusst, sondern auch die Rezeption bis in die Gegenwart prägt. Hierzu werden typische Argumentationsmuster der jeweiligen Zeit untersucht und in ihrer diskursiven Wirkmächtigkeit dargestellt. Prägend ist hierbei der Einstieg beider Autoren in den literarischen Diskurs in der Weimarer Republik. Denn der Diskurs um Kriegsliteratur ist von Beginn an nicht an einer ästhetischen Auseinandersetzung interessiert, aus literarischen Phänomenen entwickeln sich in kürzester Zeit politische Argumente, die zum Spielball rechter und linker Interessen gemacht werden. Weiterhin wird das Verhalten im Nationalsozialismus zum Maßstab des Autors in der Nachkriegszeit, mit verblüffendem Ergebnis.

Hartmut Lenk (Helsinki, Finnland)
Geschichte und Gegenwart des Zeitungskommentars in der Deutschschweizer Presse

Die „strenge Trennung von Nachrichten (1. Seite) und Meinungsteil (2. Seite), wie sie in vielen deutschen Zeitungen noch heute praktiziert wird“ (Koszyk 1999: 41)1, war eine der Prämissen, die v.a. die amerikanische Besatzungsmacht bei der Neuzulassung von Zeitungen in Deutschland nach dem Kriegsende 1945 setzte. Diese Differenzierung zeigt sich nicht zuletzt in der Unterscheidung solcher journalistischen Darstellungsformen bzw. Textsorten wie ‚Bericht‘ und ‚Kommentar‘. Kommentare erscheinen heute in nahezu allen Tageszeitungen Deutschlands und Österreichs. Dies gilt zwar auch für die meisten, nicht jedoch für alle Zeitungen in der Schweiz. Denn in der Schweiz gab es 1945 keine vergleichbare Zäsur mit einem allgemeinen Medienverbot und einer Lizenzierung neuer Medien durch Besatzungsmächte. Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG beispielsweise verzichtet bis heute auf den Ausweis meinungsbetonter Texte mit dem Rubriktitel Kommentar. In den 1940er und 1950er Jahren fehlte eine solche Darstellungsform auch in anderen Schweizer Zeitungen. Es ergeben sich zwei Fragen, auf die im Vortrag eine Antwort gegeben werden soll: (1) Wann fand die Textsorte / Darstellungsform ‚Kommentar‘ Eingang in die Schweizer Presse? (2) Welchen Stellenwert hat und welche Ausprägung erfährt sie in der Schweizer Presse der Gegenwart?
Die erste Frage wird am Beispiel der größten Abonnementzeitung der Schweiz untersucht, dem in Zürich erscheinenden TAGES-ANZEIGER. Dabei wird a) auf das Erscheinen von Texten, die nach den Textsortenmustern eines Kommentars abgefasst sind, b) das Vorkommen des Rubriktitels Kommentar und c) das erste Erscheinen eines als solchen überschriebenen Kommentars eingegangen.
Die zweite Frage bezieht eine repräsentative Auswahl von Tageszeitungen aus der Schweiz (mit überregionalem, regionalem und lokalem Verbreitungsgebiet, die gegenwärtig als Abonnement- und als Straßenverkaufszeitungen erscheinen) ein. Untersucht wird an einem eigens zusammengestellten Korpus, wie häufig, in welchen Ressorts und welcher Gestalt sowie mit welchen kommunikativen Funktionen Kommentare erscheinen.

Koszyk, Kurt (1999): Presse unter alliierter Besatzung. In: Wilske, Jürgen (Hg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Köln, Weimar, Wien: Böhlau, S. 31–58.

Joachim Liedtke (Kristianstad, Schweden)
Der fremdsprachliche Lexikerwerb – ein kontrovers diskutiertes Thema

Das in jüngerer Zeit in der Fremdsprachendidaktik zu beobachtende wiedererwachende Interesse an gezielter Wortschatzarbeit hat auch die Debatte über die Relevanz der Kontextbezüge des lexikalischen Lernmaterials erneut belebt. Neben der Polarisierung von inzidentellem und intentionalem Lernen rückt dabei vor allem die Frage nach dem anzustrebenden Grad der Kontextualisierung des Lernstoffes in den Mittelpunkt der Kontroverse.
Während die in der Tradition von Krashens Input-Hypothese stehenden Vertreter den kontextintegrierten Wortschatzerwerb im Rahmen von Lese- und Hörverständnisaktivitäten propagieren, fordern andere Fremdsprachendidaktiker – wie insbesondere B. Laufer (u.a. 2001, 2006, 2009, 2010) –, dem systematischen und form-fokussieren Wortschatzlernen beträchtlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als dies im Rahmen von Lese- und Hörverständnisübungen angesichts der damit verbundenen Vagheit und der beschränkten Fokussierung auf lexikalische Spezifika eingelöst werden kann.
In meinem Konferenzbeitrag möchte ich die Zwischenresultate einer longitudinalen Pilotstudie präsentieren, in der unter Einsatz einer speziell dafür programmierten Lernsoftware (TEXLEX) empirisch untersucht wird, in welchem Maße das längerfristige erfolgreiche Vokabellernen vom Kontextualisierungsgrad der Lehr- und Lernmaterialien sowie den damit verbundenen Randbedingungen abhängig ist.
Im Hinblick auf die oben skizzierte Kontroverse soll dabei erörtert werden, in welchem Umfang der Kontextualisierungsgrad der fremdsprachlichen Wortschatzaneignung und die daran geknüpfte kognitive Verarbeitungstiefe mit der Lernprogression und dem Lernerfolg korrelieren und welche Schlussfolgerungen sich daraus für eine Optimierung der Fremdsprachendidaktik ziehen lassen.

Luise Liefländer-Leskinen (Joensuu, Finnland)
Veränderung von Modalität beim Übersetzen?

In diesem Vortrag sollen die Probleme beim Übersetzen hinsichtlich der Modalität des Textes behandelt werden. Es handelt sich um eine empirische Untersuchung  anhand von eigenen Erfahrungen beim Übersetzen der Biografie (300 S.) des großen, finnischen Opernbasses Martti Talvela aus dem Finnischen ins Deutsche. Zunächst wird definiert, was hier unter Modalität verstanden wird und danach aufgezeigt, welche modalen Phänomene des Textes, wie z.B. Partikeln, Modalverben und Textmodus  bei der Übersetzung problematisch waren. Interessant ist es hierbei besonders zu untersuchen, ob sich eine Veränderung der Modalität des Textes beim Übersetzen feststellen lässt.
Nach einer kurzen Einführung sollen in meinem Vortrag Beispiele und Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt werden, sowie eine Klassifizierung der letzteren vorgenommen werden. Abschließend soll die Problematik des „Modalitätstransfers“ allgemein diskutiert werden auch hinsichtlich von Lösungsalternativen in anderen Sprachen.

Luise Liefländer-Leskinen: Funktionen von Modalpartikeln in fiktionalen Dialogen von Hans Fallada und den Übersetzungen ins Finnische. In: Sprache-Literatur-Literatursprache. Linguistische Beiträge. Hrsg .v. Anne Betten und Jürgen Schiewe. Berlin 2011. (Erich Schmidt Verlag).S. 263 – 268.
Luise Liefländer-Koistinen: Modalpartikeln als Übersetzungsproblem. In : Übersetzung – Translation – Traduction. Ein internationales Handbuch zur Übersetzungsforschung. 2.Teilband. Volume 2. Berlin – New York (de Gruyter) 2007. S.550 – 555.

Annikki Liimatainen (Tampere, Finland)
Zur Übersetzung von Fachausdrücken in der Science-Fiction-Literatur

Fachsprachliche Ausdrücke findet man nicht nur in Fachtexten, sondern häufig auch in der schönen Literatur, insbesondere im historischen Roman, in der Literatur der Arbeitswelt und in der Science-Fiction-Literatur. Fachsprachliche Elemente können in belletristischen Texten beispielsweise dazu beitragen, ein realistisches oder wirklichkeitsnahes Milieu darzustellen, das für eine Region oder Zeit eigentümliche Kolorit zu vermitteln sowie die Authentizität der fiktionalen Wirklichkeit zu unterstützen. Die beide Seiten betreffende Wechselwirkung von Fachkommunikation und Belletristik ist am stärksten und vielfältigsten in der Science-Fiction-Literatur ausgeprägt, in der fachsprachliche Lexik reichhaltig verwendet werden kann. In der Literatur mit Science-Fiction-Themenbereichen ist ein technisch-wissenschaftlicher Anteil enthalten, auch wenn Science-Fiction-Texte keine wissenschaftlichen Wahrheiten voraussetzen.
Ungeachtet der Tatsache, dass die Suche nach deckungsgleichen zielsprachlichen Entsprechungen und Äquivalenten für semantisch komplexe ausgangstextuelle Termini Übersetzungsschwierigkeiten verursachen kann, ist der Wiedergabe von Fachausdrücken in belletristischen Texten  in der übersetzungswissenschaftlichen Literatur bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt worden. Der vorliegende Beitrag versucht, einen Einblick in diesen Problemkreis zu geben. Als Untersuchungsgegenstand wurde der im Jahre 2005 herausgegebene Öko-Thriller „Sarasvatin hiekkaa“ des finnischen Schriftstellers, Wissenschaftsredakteurs und Umweltaktivisten Risto Isomäki gewählt. Isomäki hat sich mit der globalen Erwärmung und der Gefahr von und durch immer monströsere Tsunamis ein hochaktuelles, wichtiges, tragisches und spannendes Thema für seinen Roman ausgesucht. Anhand der deutschen Übersetzung „Die Schmelze“, die drei Jahre später erschien als das Original, wird erläutert, welche Schwierigkeiten es bei der Übersetzung der Fachausdrücke und Termini gab, die aus vielen unterschiedlichen  Wissenschaftsgebieten wie z.B. Technik, Geologie, Zoologie, Botanik, Glaziologie und Tiefseeforschung stammen, und welche Verfahren bei der Wiedergabe verwendet worden sind.

Angelika Linke (Zürich, Schweiz)
Das Tischgespräch. Zu Geschichte und Sozialsemiotik eines Genres

Der Beitrag thematisiert das soziale „Gebilde der Mahlzeit“ (Georg Simmel) unter einer kommunikationsgeschichtlichen wie kulturanalytischen Perspektive. Im Zentrum steht einerseits die allgemeine Frage nach der Rolle der Sprache beim Prozess der Zivilisierung bzw. der ästhetischen Überformung des Essens (Norbert Elias) und andererseits die speziellere Frage nach der Herausbildung des „Tischgesprächs“ als eines eigenständigen Genres. Der historische Bogen erstreckt sich von den Tischzuchten des Mittelalters über das Reden bei Tisch in der frühen Neuzeit bis zum bürgerlichen Tischgespräch des 18. und 19. Jahrhunderts.  Die herangezogenen Quellen sind sehr unterschiedlicher Natur: Normative Texte zum Verhalten bei Tisch (Anstandsliteratur, Gesprächslehren); Ego-Dokumente privater Schriftlichkeit (Briefe, Tagebücher); literarische Texte (hier vor allem Romane Fontanes) und auch bildliche Darstellungen. Es kann gezeigt werden, dass sich in der Geschichte der Verbindung von Essen und Reden die kulturelle Aufmerksamkeit von den Speisen auf die Gespräche, vom Verzehr auf die Kommunikation und vom semiotischen Gestus der Präsentation auf den des Austausches verschiebt und dass das kommunikative Verhalten bei Tisch immer auch das Beziehungs- und Machtgefüge der jeweiligen Gesellschaft reflektiert bzw. zu dessen sozialsemiotischer Konstitution beiträgt. Das Tischgespräch kann in diesem Kontext als ein spezifisch „bürgerliches“ Genre verstanden werden.
Der Beitrag versteht sich als Skizze eines umfangreicheren Forschungsprojektes.

Terje Loogus (Tartu, Estland)
Entscheidungsverhalten und Autokommunikation im Translationsprozess

Translation als komplexes, professionelles Handeln kann sowohl aus teleologischer als auch aus pragmatischer Sicht betrachtet werden. Teleologisch gesehen bedeutet Translation einen Kommunikationsprozess, pragmatisch gesehen einen Entscheidungsprozess. Die beiden Prozesse sind eng miteinander verbunden, denn die translatorische Vermittlung und Übertragung von Informationen an die Zieladressaten ist immer mit gewissen Entscheidungen verbunden, die größeren oder kleineren kognitiven Aufwand erfordern. Das Entscheidungsverhalten des Translators ist durch seine Doppelrolle als Ausgangstextrezipient und Zieltextproduzent äußerst komplex. Die Entscheidungen des Translators betreffen sowohl die Ausgangstextanalyse als auch die Zieltextsynthese, sowohl die Satz- oder Wortebene als auch die ganzheitliche Textebene. Ungeachtet dessen, auf welcher Ebene die Entscheidungen getroffen werden, bleiben sie eingebettet in einem weiteren kulturellen Rahmen. Kommunikationstheoretisch gesehen ist Translation ein dialogischer Prozess. Der Translator tritt in den Dialog sowohl mit dem Sender des Ausgangstextes als auch mit dem Empfänger des Zieltextes, darüber hinaus oft mit dem Auftraggeber. Es handelt sich um einen mehrfachen Dialog. Bei dem translationsrelevanten Kommunikationsmodell wird oft die Tatsache vernachlässigt, dass der Dialog im Translationsprozess nicht nur Kommunikation zwischen verschiedenen Handlungspartnern, zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen betrifft, sondern auch intraindividuelle Kommunikation. Ein Translator kommuniziert nämlich auch mit sich selbst, sowohl beim Durchlaufen der verschiedenen Phasen des Entscheidungsprozesses als auch beim Wechseln zwischen verschiedenen Rollen, die er im Translationsprozess einnehmen muss. Für die Beschreibung des intraindividuellen Kommunikationsprozesses kann das Modell von Autokommunikation von Juri Lotman (2010: 32 ff.) angewandt werden. Im vorliegenden Beitrag werden translationsrelevante entscheidungstheoretische Fragestellungen (z.B. Levý 1981, Kussmaul 1986, Wilss 2005, Loogus 2008) mit dem Modell der Autokommunikation von Lotman verbunden, mit dem Ziel, das Entscheidungsverhalten des Translators besser beschreiben und verstehen zu können.

Kußmaul, Paul (1986): ”Übersetzen als Entscheidungsprozeß. Die Rolle der Fehleranalyse in der Übersetzungsdidaktik.” In: Snell-Hornby Mary (Hrsg.) (1986): Übersetzungswissenschaft – eine Neuorientierung. Zur Integrierung von Theorie und Praxis. Tübingen: Francke. 206–229.
Levý, Ji?í (1981): ”Übersetzung als Entscheidungsprozess.” In: Wilss, Wolfram (Hrsg.) (1981): Übersetzungswissenschaft. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 219–235.
Loogus, Terje (2008): ” Translation als komplexer, zielgerichteter und problemlösungsorientierter Entscheidungsprozess.“ In: Triangulum. Germanistisches Jahrbuch 2007 für Estland, Lettland und Litauen, 13. Folge. 163–181.
Lotman, Jurij M. (2010): Die Innenwelt des Denkens. Berlin: Suhrkamp.
Wilss, Wolfram (2005): ”Übersetzen als wissensbasierter Textverarbeitungsprozess.” In: Zybatow, Lew N. (Hrsg.) (2005): Translatologie – neue Ideen und Ansätze. Innsbrucker Ringvorlesungen zur Translationswissenschaft IV. Frankfurt am Main: Peter Lang. 5-22.

Heiko F. Marten (Tallinn, Estland)
Sprach(en)politik in Deutschland heute: Bestandsaufnahme und Perspektiven

Mein Vortrag möchte einen Überblick über sprach(en)politische Maßnahmen in Deutschland heute geben. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass Sprach(en)politik in Deutschland – im Vergleich zu vielen anderen Ländern – nach wie vor nur ein Randthema politischer und gesellschaftlicher Debatten ist. Bei einem Blick unter die Oberfläche wird allerdings deutlich, dass durchaus eine Vielzahl an sprach(en)politischen Maßnahmen durch sehr unterschiedliche Akteure existieren. Dabei werden Ziele und Maßnahmen oft jedoch kaum koordiniert und Entscheidungen in der Einzelsituation ad hoc getroffen.
Dabei gäbe es durchaus eine Reihe von bedenkenswerten Themen der Sprach(en)politik, die auch für eine breitere Öffentlichkeit von Interesse sind bzw. sein könnten und für die ein ganzheitlicher Ansatz sinnvoll sein könnte. Dazu gehören etwa:

  • Debatten zum Einfluss des Englischen auf das Deutsche
  • Bestrebungen, in Behörden etc. ein verständlicheres Deutsch zu benutzen
  • die Akzeptanz der letzten Rechtschreibreform, die Frage von Parallelformen sowie der heutige Stand ihrer Durchsetzung
  • Fragen zur Stellung der Dialekte und des Niederdeutschen
  • eine moderne Fremdsprachenpolitik an Schulen, Hochschulen und in der Erwachsenenbildung
  • Spracherhaltungsmaßnahmen, die den autochthonen Minderheitensprachen zu Gute kommen
  • das Angebot von fremdsprachlichen Diensten für ausländische Gäste in Deutschland
  • die Integrationsdebatte mit ihrem Schwerpunkt auf der Notwendigkeit Deutsch zu lernen, die aber den Wert von Migrantensprachen oftmals außer Acht lässt
  • Präsenz von Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum
  • ein Überdenken der auswärtigen Sprachpolitik

Im Kontext jüngerer Entwicklungen wie etwa den regelmäßig auftretenden Vorschlägen zu einer Verankerung des Deutschen im Grundgesetz möchte mein Vortrag somit diskutieren, wie ein ganzheitlicher Ansatz für eine zielgerichtete Sprach(en)politik in Deutschland aussehen könnte, welche Probleme damit verbunden sein können, und ob er insgesamt wünschenswert wäre.

Liliana Mitrache (Uppsala, Schweden)
„Aus einer Mücke einen Elefanten machen“. Wenn Bilder bei Altersdemenz ihren metaphorischen Inhalt verlieren

Das Thema Sprache im hohen Alter hat besonders in den letzten zwei Jahrzehnten das Interesse der Forscher erweckt. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Aspekte von Sprachstörungen bei Demenzerkrankten. Hilflos ist das Individuum, wenn es plötzlich im hohen Alter an Demenz erkrankt. Demenz ist eine fortschreitende Krankheit des Gehirns mit Störung vom Gedächtnis, Denken, Rechnen, Urteilsvermögen, der Orientierung, der Lernfähigkeit und vor allem der Sprache. Schon in der Anfangsphase der Demenz wird die Fähigkeit abstrakt zu denken, beeinträchtigt.
Im Bezug auf die drei Hauptmerkmale des Phrasems – Polylexikalität, Fixiertheit und Idiomatizität/Figuriertheit, werde ich mich hauptsächlich auf seine dritte Eigenschaft, u.zw. die Figuriertheit beziehen. Die Bedeutungsbeschreibung eines Phrasems wird besonders interessant, wenn es um metaphorische Idiome geht. Wie alle andere Idiome, hat auch das metaphorische Idiom nur eine Bedeutung, nämlich die paraphrasierte, kennt aber zwei Lesarten, eine wörtliche und eine phraseologische. Metaphorisch impliziert, dass die phraseologische Bedeutung aus der wörtlichen ableitbar ist.
Die spezifische Konstruktion eines metaphorischen Idioms erlaubt das Erläutern bzw. die Wiedergabe seiner Bedeutung sowohl auf der sprachlichen als auch auf der visuellen Ebene in Form von einem Bild oder einer Zeichnung.
Bei bestimmten Idiomen wie z. B. „aus einer Mücke einen Elefanten machen“ kann die visuelle Repräsentation in  einem richtigen Bilderwitz resultieren, der den Leser zum Lachen bringt.
Die Fähigkeit die Figuriertheit eine Idioms zu verstehen und auch den Bilderwitz als komisch zu rezipieren, fehlt aber bei Demenzerkrankten. Folgende Untersuchung geht von dem Bilderwitz aus und erläutert anhand von Antworten der Demenzpatienten, welche Assoziationen das Bild und sein Inhalt bei den Demenzpatienten erwecken.

Mitrache, Liliana (2006): Metaphern in literarischen Übersetzungen. Eine vergleichende Analyse der sechs deutschen Übersetzungen von Strindbergs Roman Hemsöborna. Uppsala
Mitrache, Liliana (2010): Spracherwerb und Sprachverlust. Phänomene von Sprachstörungen im hohen Alter“. In: Studia Neophilologica 82:1, 91:99.
Mitrache, Liliana: „Der Apfel fällt nicht leicht vom Stamm. Aspekte der Sprachstörungen bei Alterdemenz“, Artikel im Druck, „Europhras 2010“ in Granada, Spanien.

Valeria Molnár (Lund, Schweden)
Fragen im Fokus – Fokus in Fragen

In meinem Vortrag möchte ich auf einige zentrale Fragestellungen und Probleme der aktuellen Forschung bezüglich der Semantik bzw. Pragmatik der Fragen eingehen. Diese beziehen sich u.a. auf das Vorliegen von Präsuppositionen vs. Implikaturen in Fragen und auf die Relation zwischen Fragen und Fokussierung. Fragen werden in der einschägigen Literatur zu denjeningen Konstruktionen gerechnet, die existentielle Präsuppositionen auslösen. Diesbezüglich scheint allerdings eine Differenzierung der verschiedenen Fragetypen und die Einschränkung der Annahme der Präsupposition auf bestimmte Fragetypen notwendig. Es wird in der Regel auch angenommen, dass sich Fragen und Fokussierung in semantisch /pragmatischer Hinsicht aufeinander beziehen lassen, indem das fokussierte Glied in der Anwort auf eine Frage mit der erfragten Konstituente übereinstimmt. Fragen werden semantisch als die Menge aller möglichen Antworten repräsentiert, während der semantische Effekt der Fokussierung als Hervorrufung von Alternativen zu der fokussierten Konstituente angegeben wird. Bei der Markierung der Fragen und der Fokussierung lassen sich auch in einem typologischen Vergleich Ähnlichkeiten feststellen. Kontrovers ist allerdings die Frage, inwiefern Exhaustivität für Fragen und Fokussierung entscheidend ist. Ich möchte bei der Diskussion der semantischen bzw. pragmatischen Aspekte der Fragen auch die kontrastive Perspektive beachten und die Aufmerksamkeit vor allem auf die Unterschiede zwischen dem Deutschen und Schwedischen bezüglich der Realisierung der Fragen richten.  Beim Vergleich des Deutschen und Schwedischen fällt nämlich auf, dass im Schwedischen die Satzspaltung – eine sowohl mit den Präsuppositionen als auch mit der Fokussierung und Exhaustivität im Zusammenhang stehende Konstruktion – viel häufiger als im Deutschen verwendet wird und der Disambiguierung der diskurssemantischen Verhältnisse dient.

Eva Neuland (Wuppertal, Deutschland)
Höflichkeit bei Jugendlichen heute: Widerspruch oder Wandel?

Im Rahmen der zunehmenden Internationalisierung vieler Lebensbereiche und der zunehmenden Multikulturalität in Schulen und Hochschulen nimmt auch die Bedeutung der Höflichkeit als „Sprache der Weltgesellschaft“ immer mehr zu. Eine wesentliche Fragestellung der neueren linguistischen Höflichkeitsforschung betrifft die Rolle der jüngeren Generationen im Umgang mit konventionalisierten sprachlichen Umgangsformen. Es ist vielleicht nicht nur ein typisch deutsches Phänomen, dass die antiautoritäre und antikonventionelle Kritik sozialer Bewegungen der späten 60er sowie der 70er Jahre an den als unzeitgemäß und formalistisch empfundenen Höflichkeitstandards die Einstellungen gegenüber Formen formaler Etikette bis heute nachhaltig verändert hat. Dies zeigt sich nicht nur in Veränderungen der Anredeformen und im Umgang mit Titeln, sondern auch in den Gruß- und Abschiedsformulierungen sowie im Umgang mit kritischen Kommunikationssituationen und gesichtsbedrohenden Sprechhandlungen.
Inwiefern vor allem Jugendliche zu einem solchen Prozess zunehmender Ent-Distanzierung  und Informalisierung des öffentlichen Sprachgebrauchs beitragen, ist auch in der Jugendsprachforschung noch eine ungelöste Fragestellung. Im Vortrag werden dazu einige ausgewählte Befunde eines Forschungsprojekts zur sprachlichen Höflichkeit bei Jugendlichen vorgestellt. Dabei soll an ausgewählten Beispielen die These veranschaulicht werden, dass Höflichkeit bzw. Respekt durchaus noch eine handlungsleitende Kategorie für Jugendliche darstellt, aber insbesondere in der intragenerationellen Kommunikation durch andere, jugendtypische Stilmittel ausgedrückt werden, die oftmals in Kontrast und Widerspruch zur konventionellen Höflichkeit stehen. Konsequenzen für die Didaktik der sprachlichen Höflichkeit und die Vermittlung unterschiedlicher Höflichkeitsstile sind auch für den DaF-Unterricht zu bedenken.

Esbjörn Nyström (Stockholm, Schweden)
Zu den Grenzen des literarischen Textes. Bemerkungen zu den Erscheinungsformen von Libretti in Textbuch und Partitur

Das Opernlibretto ist eine literarische Gattung mit zwei möglichen, völlig unterschiedlichen schriftlichen Erscheinungsformen: wir können es einerseits ohne Noten, von der Form her einem Dramentext für die Sprechbühne ähnlich (z. B. als gedrucktes Textbuch), vorfinden, aber auch andererseits in musikalischer Notation integriert (z. B. in einer Partitur).
In einer wissenschaftlichen Edition eines vertonten Librettos sollten – wenn der verbalsprachliche Text in einer Partitur auch als eine autorisierte Fassung eines Librettos betrachtet werden kann (die Kriterien dafür werden kurz umrissen) – Varianten  zwischen Textbuch und Partitur verzeichnet werden. In derartigen Variantenapparaten kommen Grenzen des Literarischen selbst zum Vorschein: So zeigt die editorische Praxis, dass gewisse Teile des verbalsprachlichen Textes in einer Partitur oder einem Klavierauszug als mehr zur Musik denn zum literarischen Text gehörend betrachtet werden.
Tempo-, Dynamik- und Vortragsanweisungen in Partituren werden in den betreffenden Variantenapparaten oft nicht verzeichnet, sondern offenbar nur der musikalischen Notation zugerechnet; die Anweisungen kommen meist in standardisierter (italienischsprachiger), daneben aber oft in freierer Ausführung vor, wobei die Grenze zu den Regiebemerkungen offensichtlich fließend ist. Wenn ähnliche Anweisungen in einem Textbuch vorkommen, werden sie dagegen selbstverständlich zum Dramentext gerechnet. Ein zweiter Fall sind die Wiederholungen von gesungenen Textsegmenten in Partituren, die als eine rein musikalisch bedingte Erscheinung verstanden werden. Dabei können Wiederholungen jedoch auch in Textbüchern in unterschiedlichen Weisen gekennzeichnet sein. Der dritte Fall ist die größere Differenziertheit und Genauigkeit der Partituren in der Darstellung von zeitlichen Abläufen; hier wird auf die Problematik des Vergleichs zwischen solchen Markierungen (z. B. beim simultanen Singen) und dem linear strukturierten Text im Textbuch hingewiesen.
Von diesen drei Gebieten ausgehend wird anhand einiger deutschsprachiger Beispiele aus mehreren Jahrhunderten die unsichere Grenzziehung zwischen literarischem Text und rein musikalischer Notation in Partituren beleuchtet. Darüber hinaus werden einige Grundsätze in der germanistischen und der musikwissenschaftlichen Libretto-Editorik und die potentielle Bedeutung editionswissenschaftlicher Fragestellungen für die Intermedialitätstheorie kurz diskutiert.

Ivars Orehovs (Riga, Lettland)
Vom ‚Lokalen’ zum ‚Globalen’: Thematisches Suchen in der Literatur- und Kulturgeschichte des deutschen und des nordischen Sprachraums (auch in deutsch-baltischen Schriften mit kulturhistorischem Wert)

Es ist kein Geheimnis, daß die nationale oder ‚lokale’ Zugehörigkeit und die Besonderheiten des literarischen Schaffens in erheblichem Maße durch das ‚Schöpfen’ aus den eigenen Folklore-Quellen gekennzeichnet ist, Entlehnungen von Themen und Gestalten aus der Bibel und der antiken Mythologie sind währenddessen mehr mit dem ‚gemeinsamen’ Kulturerbe verbunden, zumindest in der westlichen Kulturtradition.
Beim Nachdenken über die Korrelation der ‚lokalen’ und ‚universalen’ Aspekte im Zeitalter der Massenmedien scheint es für sinnvoll, einen retrospektiven Blick in die Sammlungen der Literatur- und Kulturgeschichte in bezug auf die Entwicklung der Literatur im Ostseeraum vorzunehmen, welcher im Allgemeinen sowohl die Einführung des Christentums und die Meinungsäußerung darüber im 17., 18. (z. B., „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ von  J.G. Herder) und im frühen 19. Jahrhundert (z. B., „Die Christenheit oder Europa“ von Novalis) widerspiegelt, als auch Gesichtspunkte über die Bildung der „Weltliteratur“ ( J. W. von Goethe) und der „Universalpoesie“ (Fr. Schlegel) reflektiert.
Ein bedeutendes Phänomen in der nordischen, beziehungsweise schwedischen Literatur der Romantik ist kultur- historisches Interesse für die Wiedergeburt von Ideen bezüglich der altnordischen heroischen Routen auf der Suche nach der ‚Erweiterung des eigenen Lebensraums’ (göticism – schwedish; z.B., im Gedicht von E. G. Geier „Der Wikinger“), welches auch einen Zusammenhang mit der ehrgeizigen Vorstellung des 17. Jahrhunderts über die ‚historische Besonderheit’ der alten Nordländer hat (z. B., der lange Aufsatz von O. Rudbeck „Atlantica“). Das korrespondiert mit der Vorstellung von damaliger aktiven Außenpolitik Schwedens – dominium maris baltici zu schaffen. Als Ergebnis solcher Intentionen war die Standhaltung der schwedischen Verwaltung in Riga und Livland (1621/29-1710), die auch gewisse staatseinheitlich-befördernde Verordnungen erlassen hat – z. B., zur Einführung des Postwesens (1636; siehe: das Poem in deutscher Sprache von Chr. Bornmann „Mitau“), der Landvermessung (1628) und der Gemeindeschulen für Kinder der Bauern (1686-1687). Einige Aspekte des ‚erweiterten Raumes’ werden in Tagebüchern und Autobiographien von Leuten schwedischer Herkunft, die direkten Bezug zum Baltikum hatten (E. Dahlbergh, U. Hiärne, A. Horn), dargelegt.
Die dominierenden Ideen in der Poesie des 17. Jahrhunderts sind immer noch die von der Erlösung der Seele (z.B., im Gedicht von P. Fleming „Vor meiner Reise nach Persien“) und von der Rolle der christlichen Einheit (siehe, z. B., das Gedicht von G. v. Mengden „Fest stehet Gottes Stadt gegründet“).
In der deutsch-baltischen Dichtung des 19. Jahrhunderts ist ‚das Meer’ ein häufig benutztes Medium, um die Einheit zwischen dem ‚Nahen’ und dem ‚Weiten’ oder ‚Fernen’ zum Ausdruck zu bringen. So, der eine Dichter empfindet Sehnsucht von diesem „kalten Meer“ weg – zu den südlichen, geistig mehr aktiven Meeren und „dem Ozean“ (im Gedicht von J. v. Sivers „An der Ostsee. Im Februar“), der andere betont im Gegenteil, daß er „aus weiter, kalter Ferne“ in Erinnerungen an den heimatlichen „Wogenstrand gerne verweilt“ (im Gedicht von J. E. F. v.Grotthuß „An die Heimat“).
Eine gewisse Einheit dieser Tendenzen offenbart sich in der historischen Erzählung von C. Russwurm  „Der Robbenfang“ (auf deutsch veröffentlicht 1861, auf lettisch – 1874). Dieser literarisch dokumentierte Versuch der Identitätsbekundung unterhält deutlich die erwünschte Variante der Wechselseitigkeit und der gegenseitigen Wechselwirkung zwischen dem ‚Lokalen’ und dem ‚Globalen’ – und dieses gilt nicht nur der Literatur.

Thorsten Päplow (Västerås, Schweden)
Andere Wege zum Ich – Geschwisterkonstellationen in S. Scheuermanns Die Stunde zwischen Hund und Wolf  und N. Scheuers Flußabwärts

Spätestens seit Freud lässt sich die Erforschung des Ich als eines der großen Themen der westlichen Kulturen und Gesellschaften betrachten, die sich ebenfalls in der Literatur widerspiegelt. Dies kommt unter anderem in der großen Anzahl und Spannbreite autobiographischer Texte, an den Diskussionen zur Autofiktion, an literaturwissenschaftlichen Fragenstellungen nach dem Ich, bei denen die Beschäftigung mit dem Ich nicht nur beispielhaft und repräsentativ angelegt ist, aber auch in fiktionalen Texten festmachen. Dieser Beitrag befasst sich mit einem Aspekt der Auseinandersetzung mit dem Ich in zwei fiktionalen Texten, in denen die Annäherung an das Ich wesentlich im Rahmen von kontrastiv geprägten Spiegelungen mit der Schwester (Stunde zwischen Hund und Wolf  ) bzw. dem Bruder (Flußabwärts), als genetisch sowie umfeldbedingte ‚Vewandte‘, als „Kopie“ (Scheuermann 5), ausgeleuchtet wird. In diesem Zusammenhang fällt u.a. die Rolle auf, die Wasser als (verbindendes) Urelement oder sogar als Ursprung allen Seins in beiden Texten spielt.

Silke Pasewalck (Tartu, Estland)
Migration und Erinnerung – Aris Fioretos’ Der letzte Grieche

„[…] ich frage mich, ob nicht die Literatur die Geschichte rehabilitieren kann. Denken Sie nur an all die Griechen, die ihr Heimatland verlassen haben. Zwingen die neuen Umstände sie nicht, sich selbst neu zu erfinden? Warum sollte dieser Einfallsreichtum kein Teil ihrer Biographie sein? Oder der Historiker nicht von ihnen lernen können?“ (Der letzte Grieche, S. 392)
Der schwedische Autor Aris Fioretos erzählt in seinem Mehrgenerationenroman Den siste greken (2009, dt. Der letzte Grieche 2011) die von Diaspora und Migration geprägten Geschichten zweier „griechischer“ Familien, an deren einem Ende die Vertreibung aus Smyrna unter Atatürk und an deren anderem Ende die Migration als Gastarbeiter bzw. als politischer Flüchtling nach Schweden steht. Das zeitenvermischende, mehrperspektivische Erzählen kreist dabei um das Schicksal und das Bewusstsein des „Auslandsgriechen“ Jannis Georgiadis, der in den 1960er Jahren als Gastarbeiter nach Schweden kommt. Der Roman stellt die Frage nach der adäquaten Tradierung von Biographie und Genealogie im „bleiernen Zeitalter der Migration“ und plädiert mit seiner postmodernen Erzählkonstruktion für einen dezidiert antinostalgischen Zugriff. Dabei konstruiert er einen ebenso vielschichtigen wie fragilen, Zeiten und Räume miteinander verbindenden, aber auch voneinander trennenden Gedächtnisraum. Dass dieser nur in der literarischen Fiktion existieren kann, ist eine der Pointen des Textes.
In meinem Beitrag, dem die deutschsprachige Übersetzung von Paul Berf zugrunde liegen wird, möchte ich den Roman in die literaturwissenschaftliche Debatte zur Poetik der Interkulturalität einordnen und auf dessen Kultur- sowie dessen Literaturbegriff hin befragen. Einen zentralen Stellenwert wird dabei die spezifische Erinnerungspoetik des Textes einnehmen.

Jüngste Veröffentlichungen:
Interkulturalität und (literarisches) Übersetzen. Hg. gemeinsam mit Dieter Neidlinger und Terje Loogus. Tübingen 2012 (Studien zur Multi- und Interkultur). Stauffenburg.
Nationalepen zwischen Fakten und Fiktionen. Hg. gemeinsam mit Heinrich Detering, Torsten Hoffmann und Eve Pormeister. Tartu 2011. 321 Seiten.
Interkulturalität als poetisches Verfahren. Vladimir Vertlibs Roman Das besondere Gedäcthnis der Rosa Masur. In: Re-Visionen. Kulturwissenschaftliche Herausforderungen interkultureller Germanistik. Frankfurt/Main 2012 [erscheint demnächst].
Literatur und Kultur – Überlegungen zum Stellenwert von Literatur in der Kulturvermittlung und ein Unterrichtsentwurf zum Tell-Mythos. In: Deutsch als Fremdsprache und Literaturwissenschaft. Zugriffe, Themenfelder, Perspektiven. Hg. Von Michael Ewert, Renate Riedner und Simone Schiedermair. München 2011, S. 144-162 (gemeinsam mit Dieter Neidlinger).

Jan P. Pietzuch (Bergen, Norwegen)
„Wie bitte, Diskurse aneignen?“ – Diskursforschung und Diskursdidaktik in den Kulturstudien DaF

Seit der sozial-, literatur- und mithin auch sprachwissenschaftlichen Rezeption foucaultscher Theoreme finden sich in der neueren deutschsprachigen Fremdsprachenforschung zumindest ein pragmalinguistisches, ein kommunikationstheoretisches und ein (wissens-)soziologisches Konzept von ‚Diskurs‘. Während diese drei Diskurskonzepte (Gespräch – Kommunikationsmodus – Wissensordnung) bislang weitgehend unvermittelt nebeneinander stehen, sollten insbesondere die Kulturstudien DaF daran interessiert sein, das Zusammenspiel dieser Konzepte – und damit auch den Nexus von ‚Sprache‘ und ‚Kultur‘ – theoretisch, empirisch und didaktisch auszuarbeiten. Der Beitrag stellt entsprechend eine diskurstheoretisch begründete Heuristik zur Re-/Konstruktion diskursiver und personaler Kulturkonstrukte zur Diskussion, die es ermöglichen soll, das Verhältnis zwischen ‚kulturbezogenen‘ fremdsprachlichen Aneignungs- und Vermittlungsprozessen und deren Situiertheit in sprachlich-symbolisch prozessierten, sozialen Wissensordnungen diskursanalytisch zu untersuchen und diskursdidaktisch umzusetzen. Dabei wird in Anknüpfung an neuere kultur-, bildungs- und spracherwerbstheoretische Diskussionen skizziert, wie 1) die konstitutiven Begriffe ‚Kultur‘, ‚Subjekt‘ und ‚Lernen‘ mit Hilfe der Kategorien a) Diskursivität, b) Narrativität und c) Dialogizität als forschungsmethodologische Konzepte aktualisiert und als didaktische Konzepte konkretisiert werden können – und wie 2) kulturbezogene Lernprozesse auf Grundlage der Ansätze a) diskursives Selbst, b) narratives Selbst und c) dialogisches Selbst als Ko-/Modifikation personaler Kulturkonstrukte (d.h. individueller Repertoires an Deutungsmustern, Basis-Erzählungen und Ich-Positionen) in der Aneignung fremdsprachlicher Diskurse modelliert werden können.

Edgar Platen (Göteborg, Schweden)
Hybrid Europa. Zum Europadiskurs bei Karl-Markus Gauß

Die Darstellungen Europas, wie sie in den letzten Jahren von Karl-Markus Gauß vorgelegt wurden, entwerfen ein hybrides Gebilde, das gezielt an allen EU-Debatten vorbeigeschrieben ist. Ränder werden bei Gauß zentral, Zentren verlieren an Bedeutung. Der Beitrag geht einigen Aspekten dieser Darstellungen von Europa nach, deutet einen historischen Kontext (z. B. im Vergleich zu Andersch und Enzensberger) an und fragt nach ihren Funktionen für unsere Gegenwart.

Natalja Polakova (Riga, Lettland)
Bild und Text. Intermediale Bezüge in der Prosa von Eduard von Keyserling

Der Vortrag widmet sich den Text – Bild – Text – Interaktionen in der Prosa um 1900 am Beispiel des deutschbaltischen Schriftstellers Eduard von Keyserling. Die zunehmende Aktualisierung von Werken der bildenden Kunst  im kulturhistorischen Bewußtsein des 20. und 21. Jahrhunderts ermöglicht, dass die Bilder in vielfältigen Funktionen in die Bedeutungszusammenhänge von literarischen Texten integriert werden.
Der  intermedial ausgerichtete Vortrag konzentriert sich auf die Wechselwirkungen von kunsthistorischen und literarischen Diskursen zum Bild. Das Ziel des Vortrag ist zu bestimmen, wie sich die Prosa von Keyserling inhaltlich und gestalterisch zu den Bildern verhält, wie sie die Bilder in Worte fasst und in ihre künstlerische Form einfügt.

Eve Pormeister (Tartu, Estland)
Zur doppelten Vereinnahmung des weiblichen Todes durch den männlichen Künstler in Erica Pedrettis „Valerie oder Das unerzogene Auge“

Dass der Körper nicht nur von innen heraus zerfressen bzw. zerstückelt werden kann, wie beispielsweise durch Krebs, sondern ebenfalls von außen heraus: durch den männlichen Künstler und sein erzogenes Auge, darüber reflektiert die deutschschweizerische Autorin Erica Pedretti in ihrem palimpsestartig angelegten und auffällig vom Motiv des Todes durchzogenen Buch „Valerie oder Das unerzogene Auge“ (1986). Damit überschreitet sie die bis dahin geläufige Übertragung des Themas „Krankheit und Körper“ auf die „kranke[n] Schweiz“ (Peter von Matt) oder auf unsere Zivilisation schlechthin und legt das erzählerische Gewicht zum einen auf die existenzielle Ebene, zum anderen zugleich auf die (gesellschaftlich-)ästhetische Ebene, was bereits auch der das ästhetische Programm der Autorin verbergende Buchtitel indirekt verkündet. Indem die Autorin Bezug auf den Schweizer Maler Ferdinand Hodler (1853?1918), seine tiefen Erfarhungen der menschlichen Endlichkeit und Sterblichkeit sowie seine Bilderserie der sterbenden Valentine Godé-Darel nimmt, verwandelt sie ihre Künstler-Figur Franz und ihre Modell-Figur Valerie in ein Stückchen Wirklichkeit und macht die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit durchsichtiger.
Dem Motiv des (weiblichen) biologischen Sterbens und des (weiblichen) biologischen Todes kommt im schöpferischen Prozess als Aneignung in der männlichen symbolischen Ordnung eine metaphorische Bedeutung zu, die die Entstehung eines Werkes in der „fundamentale[n] Asymmetrie von Subjekt und Objekt“ (Pierre Bourdieu), in  der Spannung von der Geburt des männlichen Elements und dem Sterben des weiblichen Elements als Vereinnahmung des weiblichen Todes durch den männlichen Künstler beleuchten soll. Von der doppelten Vereinnahmung in Pedrettis (nicht nur) Buch kann insofern die Rede sein, als der männliche Künstler (nicht nur in der bildenden Kunst), der beim Anblick der Todeskranken oder der Sterbenden seiner eigenen Endlichkeit gewahr wird und seine Todesangst aufs Papier zeichnet, fieberhaft darum bemüht ist, „irgend etwas aus dem großen Totentanz zu retten“ (Hermann Hesse), sich und sein Werk in die Zeitlosigkeit hinüberzuretten, den Tod zu überleben. Mit ihm und mit seinem Leiden wird sich der Betrachter ihrer Bilder, seiner Aufzeichnungen, „aus Selbstschutz“ (Erica Pedretti) identifizieren.  Seinem und nicht ihrem Leiden wird er vorläufig – „bevor man nicht selbst von der Krankheit erfaßt wird“ (Erica Pedretti) ? nachfühlen können. Sie, das Modell, versinkt in der doppelten Dunkelheit, „hinter den Bildern in der Nacht von Tod und Vergessen“ (Peter Utz ).

Bourdieu, Pierre (2010): Die männliche Herrschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Hesse, Hermann (1978): Narziß und Goldmund. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 160.
Matt, Peter von (1991): Der Zwiespalt der Wortmächtigen. Essays zur Literatur. Zürich: Benziger Verlag, S. 30.
Pedretti, Erica (1986): Valerie oder Das unerzogene Auge. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 180

Egita Proveja (Ventspils, Lettland)
Zur Rolle und Anwendung von Konstruktionsglossaren im fachsprachlichen Übersetzungsunterricht

Im Rahmen des fachsprachlichen Übersetzungsunterrichts erfolgt die Vermittlung von unterschiedlichen translatorischen Kompetenzen. Neben Fach-, Kultur- und prozeduralem Wissen spielt auch die sprachliche Kompetenz eine herausragende Rolle, und dies sowohl in der Fremd-, als auch in der Muttersprache. Die Studierenden sind insbesondere darauf zu sensibilisieren, sich mit ihren Arbeitssprachen zielgerecht und vor allem kontinuierlich zu beschäftigen.
Im Rahmen des zweijährigen EU-Projekts „Konstruktionsglossare im Fachsprachenlernen – Deutsch, Estnisch, Lettisch, Litauisch (KoGloss)” werden anhand von einer eingangs definierten Textsorte, dem Konjunkturbericht, Konstruktionsglossare in vier Sprachen erstellt. Die Durchführung des Projekts erfolgt in Kooperation von Studierenden, Dozenten und externen Experten. Im beabsichtigten Vortrag soll auf die praktische Umsetzung der projektbezogenen Aufgaben im Rahmen des fachsprachlichen Übersetzungsunterrichts eingegangen werden. Anhand von Beispielen soll zunächst veranschaulicht werden, dass bei den Studierenden nicht selten an Wissen von Konstruktionen in der Fremdsprache mangelt. Hervorzuheben ist aber die Feststellung, dass auch die muttersprachliche Kompetenz in Bezug auf die Konstruktionen nicht immer ausreichend ist: Der Trend zu einer sprachlichen Vereinfachung durch Verwendung des Verbs „machen” in Verbindung mit zahlreichen Substantiven sei nur als eines der häufigsten Routinebeispiele erwähnt.
Durch Bearbeitung der im Rahmen des Projekts zu einem Korpus erfassten Texte und eine gezielte Suche nach Konstruktionen, durch ihre Beschreibung, Analyse, Bewertung u.ä. in der Lernumgebung Moddle  wird somit das Ziel verfolgt, im Rahmen des fachsprachlichen Übersetzungsunterrichts (Übersetzungsübung zum Thema Finanzwesen, Studierende des 6. Semesters) eine Sensibilisierung der Studierenden hinsichtlich ihrer fremd-, insbesondere aber ihrer muttersprachlichen Kompetenz herbeizuführen. Somit wird der Versuch unternommen, eine Methodik zu einer zielgerichteten Beschäftigung mit der Sprache vor einem fachlichen Hintergrund anzubieten. Im Vortrag sollen das methodische Vorgehen, die während des Semesters nachgewiesenen Ergebnisse sowie die seitens der Studierenden erfolgte Eigenevaluierung präsentiert werden.

Ernesta Račienė (Vilnius, Litauen)
Kombinatorische Wortbildung im deutsch-litauischen Vergleich

Wortbildungsmorphologie stellt  einen wichtigen und interessanten Gegenstand der kontrastiven und typologischen Untersuchungen dar, doch es gibt nur wenige deutsch-litauische kontrastive Forschungen  in diesem Bereich. Im Vortrag werden Ergebnisse der kontrastiven Analyse von Substantivkomposita und substantivischen Suffixableitungen in beiden Kontrastsprachen vorgestellt.
Die vielfältigen morphologischen Kompositionsmöglichkeiten der Substantive sind eine typologische Eigenart des Deutschen. In litauischen Grammatiken wird behauptet, dass  Substantivkomposita auch eine wichtige Rolle in der  Wortbildung des Litauischen spielen. Die Struktur und die Semantik der deutschen und der litauischen Substantivkomposita sind ähnlich, aber es wurden auch wesentliche Unterschiede ermittelt, die die spezifischen Eigenarten der beiden Sprachen zeigen. Die Unterschiede zwischen den Kontrastsprachen offenbaren sich insbesondere in der Syntagmatik. Im Deutschen ist dieser Wortbildungstyp sehr aktiv, morphologisch und semantisch ist er so sehr ausgebaut, dass man durch Substantivkomposita die verschiedensten Inhalte ausdrücken kann. Im Vergleich zum Deutschen sind die Substantivkomposita im Litauischen eher unproduktiv und gar nicht so aktiv. Im Vortrag werden funktionale Äquivalente für deutsche Komposita im Litauischen präsentiert.
Suffixderivation ist im Bereich des Nomens in beiden verglichenen Sprachen ganz besonders verbreitet. Die Zahl der Suffixe für die Ableitung der Substantive im Deutschen ist jedoch viel geringer als im Litauischen. Als Ausgangspunkt (tertium comparationis) beim Vergleich der substantivischen Suffixderivation im Deutschen und im Litauischen wird Wortbildungsgruppe genommen. Im Vortrag werden exemplarisch einige Wortbildungsgruppen (Nomina agentis, nomina actionis  u.a) gegenübergestellt, um Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen den verglichenen Sprachen zu zeigen. Ausführlicher werden Diminutiva in beiden Sprachen behandelt.

Brigitte Reuter (Tampere, Finnland)
Finnische Austauschstudierende an deutschsprachigen Universitäten. Probleme und Chancen der sprachlich-kommunikativen Studienvor-und -nachbereitung

Im Zuge von Internationalisierung und Globalisierung wird das Austauschstudium zunehmend standardisiert. Jede Universität verfügt über entsprechende Koordinierungsstellen, immer bessere Stipendienprogramme werden aufgelegt, von der Unterkunft bis zur Anerkennung von Studienleistungen werden alle Formalia geregelt, an vielen Gasthochschulen werden Austauschstudierende rund um die Uhr betreut.Trotz dieser Integrationserfolge stellt das Fachstudium an einer ausländischen Universität auf der persönlichen Ebene noch immer eine große Herausforderung dar, die es zu meistern gilt. In meinem Beitrag berichte ich über langjährige Erfahrungen aus einem Kurs, der finnische Studierende aller Fakultäten  gezielt auf die praktischen Anforderungen des Studienalltags vorbereitet. Im ersten Teil stelle ich dar, welche frequenten Text- und Gesprächssorten an authentischen Beispielen im Kurs behandelt  werden. Im zweiten Teil kontrastiere ich die Ergebnisse des Vorbereitungskurses  mit studentischen Erfahrungsberichten, die nach der Rückkehr nach Finnland in Tiefeninterviews erhoben wurden. Im Rückblick stellt sich hier heraus, dass viele Studierende sich trotz gezielter Vorbereitung von den alltäglichen Diskurspraktiken an den deutschsprachigen Universitäten zum Teil überfordert fühlen. Nach der Präsentation einer diesbezüglichen studentischen Mängelliste diskutiere ich Möglichkeiten, wie man diese Probleme in der Vorbereitung und Nachbereitung des Austauschstudiums abfedern kann.

Ewald Reuter (Tampere, Finnland)
Postnationale Leseweisen. Eine Longitudinalstudie zu interkulturellen Leseprozessen internationaler Studierender

Berichtet wird über die Anlage, die Durchführung und die Auswertung von Leseprozessen, die über einen Zeitraum von 15 Jahren beobachtet wurden. Diese Leseprozesse finden statt in einem Kurs, in dem finnische und internationale Studierende Gespräche über finnisch-deutsche Kulturunterschiede führen. Bei den Kursteilnehmerinnen handelt es sich meist um nicht-professionelle Literaturleserinnen, dass heißt um keine  angehenden Literaturwissenschaftlerinnen. Früh im Kurs besteht eine Aufgabe der Austauschstudierenden darin, ein kurzes finnischsprachiges Gedicht nach der Naturmethode, das heißt unter Zuhilfenahme von zweisprachigen Wörterbüchern und der Nutzung der Grammatikkenntnisse der finnischsprachigen Studentinnen, ins Deutsche zu übetragen. Diese Lektüre- und Übersetzungsarbeit wird gruppenweise durchgeführt und gelegentlich videografiert. In der Regel benötigen die Gruppen 80-90 Minuten, um eine Übersetzung anzufertigen, mit der die selber zufrieden sind. Eine weitere Aufgabe besteht darin, eine kurze schriftliche Interpretation des Ausgangs- bzw. Zieltextes anzufertigen und so Auskunft über den eigenen Textaneignungsprozess bzw. die eigene Sinnproduktion zu geben.
Die erhobenen Daten wurden auf zweifache Weise analysiert. In einem ersten Schritt wurden die Videoaufnahmen exemplarisch einer Konstitutionsanalyse unterzogen, was bedeutet, dass untersucht wurde, über welche interaktiven Verfahren die Beteiligten Schritt für Schritt dem Ausgangstext Bedeutung und Sinn beimessen und dies auf Deutsch schriftlich fixieren. In einem zweiten Schritt wurde rekonstruiert, welche Rolle die Kategorie der ‚Nation’ bzw. der ,Nationalkultur’ in den textbezogenen Interaktionsprozessen spielt. Dabei stellt sich heraus, dass im Verlauf von 15 Jahren der Bezug auf die ,Nation’ eine zunehmend nachgeordnete und postnationale Selbstverortungen der Leserinnen dagegen eine zunehmend wichtigere Rolle spielen. Im Beitrag werden die Untersuchungsergebnisse im Einzelnen diskutiert und es werden Ansätze vorgestellt, die den Deutungsmusterwandel zu erklären helfen.Göttlich, Uwe 2006: Die Kreativität des Handelns in der Medienaneignung. Zur handlungstheoretischen Kritik der Wirkungs- und Rezeptionsforschung. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

Helju Ridali (Tallinn, Estland)
Feste Wendungen in „Manuductio ad Linguam Oesthonicam“ (1660) von Heinrich Göseken

Im 17. Jh. wurde durch das Verfassen der ersten estnischen Grammatiken der Grundstein für die Herausbildung und Entwicklung der (alt)estnischen Schriftsprache gelegt. Die Initiative ging von Geistlichen aus, die ihre Ausbildung in Deutschland bekommen, sich aber im Baltikum niedergelassen hatten, um hier ihrem Beruf im Dienste der evangelischen Kirche nachzugehen. Heinrich Göseken war Pastor in Kullamaa und Probst und Assessor des Konsistoriums in Tallinn. Sein Hauptwerk „Manuductio ad Linguam Oesthonicam. Die Anführung zur Öhstnischen Sprache“ (547 Seiten) besteht aus der Einleitung, dem grammatischen Teil, dem Wörterverzeichnis/ Wörterbuch und dem Anhang. Die Beschreibungssprache in „Manuductio…“ ist Deutsch. Das deutsch – estnische Wörterbuch, aus dem die untersuchten festen Wendungen stammen, enthält 9000 bis 10000 Stichwörter. Zu den festen Wendungen im erwähnten Wörterbuch lagen bis jetzt keine Untersuchungen vor. Nach der Zeichenfunktion werden die Phraseme in referentielle, strukturelle und kommunikative Phraseologismen eingeteilt. Zu all den genannten Gruppen gibt es in „Manuductio…“reichlich Belege. Im Referat wird auf die Form- und Bedeutungsänderung der deutschen festen Wendungen des 17. Jahrhunderts eingegangen, ebenso auf ihre estnischen Entsprechungen.

Sigurd Rothstein (Kristianstad, Schweden)
Deutschland 1934. Das „dritte Reich“ in vier Reisereportagen

In ganz Europa stoßen die Ereignisse in Deutschland nach der Machtübernahme 1933 auf großes Interesse. Schweden ist dabei keine Ausnahme. Im Gegenteil. Ein paar Monate nach dem Machtantritt des deutschen Führers besuchen der bekannte Literaturkritiker Fredrik Böök und der Schriftsteller Gustaf Hellström das südliche Nachbarland. Im Jahre 1934 folgt ihnen nicht nur das Mitglied der Schwedischen Akademie Torsten Fogelqvist, sondern auch vier andere Reisende, um die es hier geht. Es handelt sich um den Autor Tito Colliander, die Journalisten Sanfrid Neander-Nilsson und Fritz Lönnegren und um den Geschäftsmann Edvard Rosenberg. Im Vortrag werden ihre Reiseberichte präsentiert. Dabei wird die Dualität thematisiert zwischen dem, was die Besucher einerseits konkret erleben, erfahren und wahrnehmen und andererseits ihre Interpretationen, die oft ihren Ausgangspunkt im konkreten Erlebnis haben, sich aber zu umfangreichen Diskursen fern von allen Bindungen an das Erlebte entwickeln können. Die Reiseschilderungen pendeln zwischen einer Graswurzel- und einer Vogelperspektive.

Anna Ruusila (Helsinki, Finnland)
Pragmatische Phraseologismen in einem mehrsprachigen elektronischen Wörterbuch

Pragmatische Phraseologismen (PP) sind Träger sprachlicher und kultureller Spezifik und bilden einen festen Bestandteil der alltäglichen Kommunikation. Sie werden in situationsspezifische, Sprechhandlungen durchführende Routineformeln und in situationsungebundene, metakommunikative Gesprächsformeln eingeteilt. Wegen ihrer komplexen Beschaffenheit, Sprach- und Kulturgebundenheit sowie ihrer potenziellen Situationsgebundenheit, Idiomatizität und Polyfunktionalität stellen die PP für Übersetzer und Sprachlerner eine Herausforderung dar. Trotzt ihrer wichtigen Rolle in der alltäglichen Kommunikation ist die lexikografische Beschreibung von PP z. T. verbesserungsbedürftig. Mein Dissertationsvorhaben, das im vorliegenden Vortrag angesprochen wird, verfolgt das Ziel, theoretische Wörterbuchartikelmodelle für Routineformeln einerseits und für Gesprächsformeln andererseits zu konstruieren, sodass Wörterbuchbenutzer davon maximal profitieren können. Die Modelle werden für ein mehrsprachiges (Finnisch–Deutsch–Französisch), semasiologisch-onomasiologisches Spezialwörterbuch in elektronischer Darstellungsform konzipiert.
Im Vortrag werden zuerst kurz die speziellen Eigenschaften von PP angesprochen und die Nachschlagebedürfnisse der Übersetzer näher betrachtet. Die Übersetzung von PP ist bisher überhaupt nur wenig untersucht worden, und auch die lexikografisch ausgelegte Erforschung von PP hat sich bisher eher an den Bedürfnissen der Sprachenlerner orientiert. Für Übersetzer konzipierte Wörterbücher stehen noch aus, obwohl diese zweifellos andersartige Informationsbedürfnisse als andere Benutzergruppen haben. In den vorzustellenden Skizzen der Wörterbuchartikel-Modelle wird davon ausgegangen, dass die Übersetzer von einer möglichst breiten Auswahl an potenziellen Äquivalenten profitieren würden, denn die Kontexte, in denen die PP vorkommen, sind äußerst unterschiedlich. In den Wörterbuchartikeln werden demzufolge auch nicht-phraseologische bzw. monolexikalische Äquivalente einbezogen, die keine „Wörterbuchäquivalente“ im traditionellen Sinne, d. h. Äquivalente auf der langue-Ebene, darstellen. Der Benutzer erhält nähere Informationen über die phraseologischen Äquivalente, indem er mittels eines Links auf die entsprechende Wörterbuchartikelseite rückt; auch andere Äquivalente werden näher erläutert. Besonderes Gewicht wird auf die situativ-kommunikative Beschreibung der PP gelegt.

Maris Saagpakk (Tallinn, Estland)
Die deutschbaltische Literatur im postkolonialen Diskurs

Die germanistischen Studien zu Postkolonialismus haben bisher den baltischen Raum nur am Rande erwähnt (vgl. Lützeler 2005: 94). An der Universität Tallinn gibt es seit zwei Jahren ein Forschungsprojekt „Deutschbaltische Kulturtexte und (Post)kolonialer Diskurs“, in Rahmen dessen überprüft wird, ob die Beschreibungsmodelle des Postkolonialismus im baltischen Kontext eine Berechtigung haben. Die in den bisherigen Studien herauskristallisierten Ergebnisse werden im Vortrag zusammengefasst und präsentiert. Dabei ist die allgemeine Entwicklung der (eigenen) deutschbaltischen literarischen Kultur und die Herausbildung einer spezifisch baltischen Identität unter den Deutschen, die auf den Territorien des heutigen Estlands und Lettlands gelebt haben, zu berücksichtigen. Ebenso aber auch die historischen Rahmenbedingungen für die Identitätsbildung der Deutschen im Baltikum und die literarische Bearbeitung dieser Themen.
Die Christianisierung des Baltikums war für die deutschen Balten ein tragendes Mythos, die Quelle und Begründung des „historischen Rechts“ auf das eroberte Land. So gesehen, sind die Esten und Letten aus der Sicht der Deutschen schon von Anfang an ein „Zivilisierungsprojekt“ gewesen. Später entwickelte man das Projekt in gewaltigen Schritten weiter, es gab die Reformation mit der Schaffung der Schriftkulturen im Estnischen und Lettischen, die Aufklärung mit der Idee der Befreiung der Bauern von der Leibeigenschaft und dem Zugang zur Schulbildung, die Nationalromantik mit estophilen und lettophilen Tätigkeiten. Im Vortrag wird nachgezeichnet, wie dieses „Projekt“ literarisch begleitet wurde, ob und inwiefern die jeweils geherrschten machtpolitischen Ideen der deutschbaltischen Oberschicht im Baltikum einen literarischen Niederschlag gefunden haben.

Moritz Schramm (Odense, Dänemark)
Post-migrantische Herausforderungen: Fatih Akıns frühe Filme

Spätestens seit dem Gewinn des Golden Bären bei den Filmfestspielen in Berlin 2004 zählt Fatih Akın zu den bekanntesten und einflussreichsten Regisseuren im aktuellen Deutschland. Mit Filmen wie Kurz und Schmerzlos (1998), Im Juli (2000), Gegen die Wand (2004), Auf der anderen Seite (2007), Soul Kitchen (2009) hat Akın schon jetzt eine Sonderstellung im gegenwärtigen deutschen Film eingenommen. In dem Vortrag will ich vor allem die frühen Filme Akıns diskutieren und mit der post-migration-Bewegung im gegenwärtigen Deutschland in Verbindung setzen. Während Akıns Filme in Teilen der Öffentlichkeit noch immer mit dem hoch problematischen Label ”Migrationsfilm” versehen werden, haben Akın und andere zeitgenössische Künstler längst die post-migrantische Kunst ausgerufen: eine Kunst, die sich weniger mit der Migration als mit den aktuellen Anforderungen einer post-migrantischen, multikulturellen Gesellschaft auseinandersetzen. In dem Vortrag will ich versuchen, anhand der frühen Filme von Akın mögliche Eckpunkte einer Theorie der post-migrantischen Kultur zu skizzieren. Andere Künstler und Kunstformen werden möglicherweise mit herangezogen, so beispielsweise Literatur und Theater.

Charlotta Seiler Brylla (Stockholm, Schweden)
Funktion der Narrative in Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Eine diskursanalytische Studie.

Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen (2010) ist eines der meist verkauften Sachbücher der Nachkriegszeit und sorgte für großes mediales Aufsehen. Auch in ausländischen Medien wurden Sarrazins Thesen zur Migration, Demographie und Bildung heftig diskutiert. In den Debatten wurde Sarrazin u. a. vorgeworfen, rassistisch und menschenverachtend zu argumentieren, sogar nationalsozialistische Denkmuster wurden ihm von einigen KritikerInnen unterstellt. Seine FürsprecherInnen meinten wiederum, niemand würde diskriminiert, vielmehr präsentiere Sarrazin lediglich eine Reihe unangenehmer Wahrheiten, welche schon längst hätten thematisiert werden sollen. Sarrazin selbst rechtfertigte wiederholt die Aussagen des Buches damit, seine Thesen würden auf harte Fakten bauen.
In meinem Vortrag analysiere ich die Argumentationsstrategien in Sarrazins Buch. Mithilfe einer diskursanalytischen Studie wird untersucht, mit welchen sprachlichen Mitteln er für seine Thesen argumentiert. Ferner soll der Frage nachgegangen werden, mit welchen Quellen des Wissens er seine Argumentation belegt. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf die Narrative gelegt werden, die bei Sarrazin eine zentrale Rolle spielen. Narrative sind Erzählungen aus dem „Leben“, die einen oder mehrere Akteure aufweisen. Sie sollen Authentizität und Glaubwürdigkeit der Darstellung suggerieren, übernehmen aber auch diskursive Funktionen. Intendiert wird dabei, durch Einzelfallschilderungen Aussagen über allgemeine Zusammenhänge zu verifizieren sowie komplexe Vorgänge zu konkretisieren bzw. zu veranschaulichen. Was konzeptualisieren diese Erzählungen und was bewirken sie im Text? Anhand von Textbeispielen soll die Funktion der narrativen Strukturen in Sarrazins Buch herausgearbeitet und diskutiert werden.

Ingrid Simonnæs (Bergen, Norwegen)
Über die Deutschkenntnisse der Kandidaten der nationalen Übersetzerprüfung (statsautorisert translatøreksamen) – Nicht ausreichende Grundkenntnisse wegen schwacher Stellung von DaF in Norwegen?

Seit den 70er Jahren ist die Norwegische Wirtschaftsuniversität (NHH) zuständig für die nationale Übersetzerprüfung Norwegens (statsautorisert translatøreksamen). Als langjähriges Mitglied der Prüfungskommission für Norwegisch-Deutsch/Deutsch-Norwegisch diskutiert die Verfasserin das Niveau der Deutsch-Kenntnisse der Kandidaten zu verschiedenen Zeitpunkten der letzten 20 Jahre und in der Gegenwart und hebt dabei gleichzeitig die Unterschiede der Voraussetzungen für die Zulassung hervor. Anfangs gab es lange Zeit nur eine Zulassung, die für beide Sprachrichtungen galt, dann die Zulassungsmöglichkeit in nur einer Sprachrichtung (aus dem Norwegischen in die Fremdsprache oder umgekehrt), beide Male nachdem die Prüfungsleistungen in einer Klausur erbracht worden waren, und jüngst (seit Herbst 2011) eine Eignungsprüfung aus dem Norwegischen in die Fremdsprache (hier Deutsch), die als Übersetzung, begleitet von einem Reflexionstext, einer Art von schriftlichem Think-Aloud-Protocol (TAP), innerhalb von 2-Wochen als Hausarbeit zu erbringen ist.
Aufgrund des allgemein geringen Interesses im sekundären und tertiärem Bildungssystem Norwegens für DaF lässt das geringe Datenmaterial zwar keine Verallgemeinerung zu, scheint aber dennoch eine gewisse Verbesserung der Deutsch-Kenntnisse zu belegen. Die Ursachen hierfür scheinen zu sein: (1) Änderungen in der Zulassungsvoraussetzung zur Prüfung aufgrund EU-rechtlicher Vorgaben, (2) Hilfeleistungen seitens der NHH in Form von Kurzseminaren und (3) fortlaufend aktualisierte Literaturlisten mit zentralen Titeln für ein Selbststudium, sowie (4) Aneignung extralinguistischen Wissens aus den Bereichen Wirtschaft, Recht und Technik, das für die Übersetzung von für diese Prüfung relevanten Fachtexten eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen dürfte.

Alexandra Simon-López (Joensuu, Finnland)
Das „Fiktive-Wir“ im Berlin des 21. Jahrhunderts: Eine Dekonstruktion deutscher und russischer Stereotype in Literatur und Film

Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 begann nicht nur ein neuer Identitätsdiskurs auf deutsch-deutscher Ebene, sondern auch eine neue Form von hybrider Migrationskultur, die zu einem großen Teil von Einwanderern der ehemaligen Sowjetunion bzw. den ehemaligen Ostblockstaaten geprägt wurde. Die Stadt Berlin fungiert hier ganz im Sinne Bhabhas als Ort der interkulturellen Zusammenkunft 1, was sich besonders in Wladimir Kaminers „Russendisko“ (2000) 2 und Dominik Grafs Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010) 3 widerspiegelt. Das Ziel dieses Vortrags liegt in der Dekonstruktion kultureller Stereotype, und zwar der deutschen und der russischen, wie sie sowohl bei Kaminer als auch bei Graf zu finden sind. In beiden Werken wird das Thema Migration und Identitätssuche fokussiert, doch die Erzählperspektiven und literarischen/cineastischen Umsetzungen grenzen sich deutlich voneinander ab. Folgenden Fragen soll bei dieser Präsentation kritisch nachgegangen werden: Inwieweit ähneln sich die benutzten Stereotype und das „Fiktive-Wir“4 bei Kaminer und Graf, und in welchen Bereichen zeigen sich Differenzen? Welche Rolle spielen die unterschiedlichen Genres bei der Umsetzung dieser Stereotype? Wie wird diesbezüglich mit dem jüdischen Kontext in beiden Werken umgegangen?1 Vgl. Homi Bhabhas Konzept der kulturellen Hybridität in: Bhabha, Homi K., 1994. The location of culture. New York: Routledge
2 Kaminer, Wladimir, 2000. Russendisko. München: Goldmann.
3 Vgl.:  http://www.daserste.de/imangesichtdesverbrechens/
4 Vgl.: Stam, Robert/Shohat Ella, 2009. “Transnationalizing Comparison: The Uses and Abuses of Cross-Cultural Analogy”. In: New Literary History, Volume 40, Number 3, Summer 2009, S. 475

Mariann Skog-Södersved (Vaasa, Finnland)
Übersetzen und Synonyme am Beispiel von svår und schwer/schwierig

Beim Übersetzen kann man unterschiedlichen sprachlichen Problemen begegnen. Es sind dabei nicht immer die größeren Unterschiede zwischen zwei Sprachen, die sie verursachen. Auf der lexikalischen Ebene kann es sich z. B. darum handeln, dass es in der Zielsprache für ein ausgangssprachliches Wort mehrere Entsprechungen gibt, die aber nicht bedeutungsgleich sind (sog. Eins-zu-viele-Entsprechungen). Es gilt dann im einzelnen Text, die jeweils richtige Entsprechung zu wählen. Für das ausgangssprachliche Wort können auch zielsprachliche Synonyme als Entsprechungen vorkommen. Synonyme sind jedoch nur selten in jeder Hinsicht bedeutungsgleich. Ein Beispiel hierfür ist das schwedische svår, das entweder mit schwer oder schwierig ins Deutsche zu übersetzen ist.
Im Schwedischen hat svår mehrere Bedeutungen. Man könnte annehmen, dass das schwedische Adjektiv, von der im Text aktualisierten Bedeutung abhängig, entweder schwer oder schwierig – oder eventuell beides – als deutsche Entsprechung hat. Die formale Ähnlichkeit von svår und schwer führt beim schnellen Übersetzen (Dolmetschen) aus dem Schwedischen ins Deutsche wahrscheinlich zum Verwenden von schwer, auch dann, wenn schwierig die bessere Alternative wäre. Die Wahl wird, wie schon angedeutet, dadurch nicht einfacher, dass schwer und schwierig manchmal in ein und demselben Satz ohne eigentlichen denotativen Bedeutungsunterschied gebraucht werden können, wenn auch Unterschiede in der Verwendungshäufigkeit nachzuweisen sind. Mit anderen Worten, wann heißt nun svår schwer und wann schwierig auf Deutsch?
Im Vortrag wird versucht, die Wahl zwischen schwer und schwierig als Entsprechung für das schwedische Adjektiv svår zu erläutern. Dies geschieht anhand von früherer Forschung zu den beiden deutschen Synonymen, Angaben in etymologischen und in ein- und zweisprachigen Wörterbüchern der Gegenwartssprache sowie anhand der Verwendung der Adjektive in Texten. Feste Wortverbindungen (sowie die Bedeutung ‘gravis’) bleiben unberücksichtigt.

Birger Solheim (Bergen, Norwegen)
Der unironische Deutsche. Thomas Manns Argumentationsweise in Betrachtungen eines Unpolitischen

Es scheint einen breiten Konsens in der negativen Bewertung der politischen Argumentation Thomas Manns zu geben. Kjell Madsens Stellungnahme ist in dieser Hinsicht repräsentativ: mit einer Tirade von Adjektiven beschreibt er Manns Argumentation als „fragwürdig“, „introvertiert“, „diffus“ und „kurzsichtig“. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine zunehmende Tendenz u. a. die Essaysammlung Betrachtungen eines Unpolitischen, wenn nicht gerade als politische Aussage, so doch als Kunstwerk, zu rechtfertigen. Dabei bezieht man sich auf die raffinierte Sprache und vor allem auf die berühmte Ironie des Autors. Durch diese Fokusverschiebung von Argumentation, Moral und Politik auf ästhetische Beurteilung, entsteht die Möglichkeit, die Verpflichtung zu umgehen, sich näher mit der postulierten Fragwürdigkeit der politischen Meinungen zu befassen.
Ist aber die einstimmig negative Bewertung der Argumentationsweise in den Betrachtungen eines Unpolitischen gerecht? Argumentiert Thomas Mann wirklich durchgehend „diffus“ und „kurzsichtig“? Oder lassen wir uns vielleicht in unserer Abstandnahme  allzu sehr von einer Art politischen Korrektheit steuern, die dadurch entstanden ist, dass wir aus unserer Perspektive schon wissen, wie die Nationalsozialisten zu einem späteren Zeitpunkt eine Argumentationsweise aufgreifen sollten, die deutliche Parallelen zur Argumentationsweise Manns aufzeigen?
Mit Hilfe des Argumentationsmodells Stephen Toulmins werde ich die Argumentationsweise Thomas Manns unter die Lupe nehmen. Auf der Grundlage dieser Analyse werde ich einige Hypothesen aufstellen. 1) Thomas Mann ist in seiner Argumentation selten ironisch, 2) Seine Argumentation ist nicht diffus, sondern zielt auf Präzision und Eindeutigkeit.
Kathrin Friederike Spogis (Riga, Lettland)
Walter Kempowskis Zusammenarbeit mit dem Amerikanischen Geheimdienst und die anschließende literarische Verarbeitung der Haftzeit

In diesem Vortrag soll es um den norddeutschen Schriftsteller Walter Kempowski (*9. April 1929 in Rostock; † 5. Oktober 2007 in Rotenburg an der Wümme) und seine so genannte „Zusammenarbeit” mit dem amerikanischen Geheimdienst CIC und jener speziellen Arbeitseinheit in Wiesbaden in den Jahren 1947 und 1948 gehen, die die Grundlage für den Verdacht der Spionage lieferte, vorsah und es letztlich durch den NKWD auch durchführte, ihn zu 25 Jahren Haft zu verurteilen. Die Umstände der Haft beinhalteteten unter anderem Gemeinschafts- und Schreibentzug. Die Gründung eines Gefängnischores gelang ihm nach einiger Zeit. Schwerer als die Umstände der Haft wogen vermutlich die Schuldgefühle, die den jungen Kempowski plagten, da seine Mutter ebenfalls bestraft wurde, wegen „Nichtanzeigens” seiner und seines Bruders Straftaten. Im März 1956 wurde Kempowski vorzeitig aus dem Gefängnis in Bautzen entlassen und ging nach Göttingen, mit dem Ziel des Pädagogikstudiums.
Im Mittelpunkt des Vortrags wird die anschließende literarische Verarbeitung seiner Erlebnisse und Gefühle stehen, die Kempowski unter anderen in seinen Werken „Im Block. Ein Haftbericht” bzw. „Ein Kapitel für sich”, in der „Deutschen Chronik” und „Uns geht’s ja noch Gold” zum Ausdruck brachte. Ein weiterer Kern wird  die Rezeption in der Bundesrepublik Walter Kempowskis dieser vorgestellten Werke sein.
Auch wird das ihm eigene Montage-/Collageprinzip, das K. insbesondere im Echolot nutzte, näher beleuchtet, welches sowohl Grundlage seiners späteren schriftstellerischen, als auch einen Teil seines pädagogischen Schaffens darstellte und einen Großteil seiner Werke umfasst. Eben dieses pädagogische Schaffen und seine Hintergründe werden ebenfalls vorgestellt.

Dessislava Stoeva-Holm (Uppsala, Schweden)
Sprache im Dienste der Freundschaft. Zur Konzeptualisierung einer zwischenmenschlichen Beziehung

Freundschaft ist ein Phänomen aller Zeiten und Kulturen. Was unter dieser Etikettierung einer zwischenmenschlichen Beziehung verstanden und wie diese praktiziert wird, unterliegt dabei einem ständigen Wandel. Im Vortrag steht hauptsächlich die Thematisierung in Poesiealben im Vordergrund u.a. zum Zweck des Verewigens von Freundschaft. Poesiealben sind eine ca. 500jährige kulturelle Gepflogenheit, die bis ins Mittelalter hinein zurückverfolgt werden kann. Diese Langlebigkeit ist erstaunlich, da in Poesiealben Ratschläge, Wünsche und Verhaltensanweisungen für den Lebensweg vorzufinden sind, die in stark abgegriffenen sprachlichen Mustern codiert sind, in denen sich Herz auf Schmerz, Tugend auf Jugend und Gedenken auf schenken reimt. Gleichzeitig scheint es, dass die Sentimentalität der Sprüche und Sentenzen der gängigen Praxis der Freundschaftsbekundung keinen Abbruch tut.
Deshalb werde ich im Vortrag darauf eingehen, wie Sinn aus Sprachschablonen geschaffen wird und worauf sich das Freundschaftskonzept stützt. In diesem Zusammenhang gewinnen die Sprüche der Poesiealben, die oft als nebensächlich abgetan werden, die aber ein Versuch sind, das erlebte oder konstruierte Konzept von Freundschaft zu worten oder es zumindest umzusetzen, an Gewicht. Mit Hilfe einer lexikalisch-semantischen Analyse von einigen Poesiealben aus dem 20.Jahrhundert sollen Nominations- und Beschreibungsstrategien aufgezeigt werden, aber auch wie mit nonverbalen Mitteln Expressivität angestrebt wird. Informativ sind hierbei sowohl Phraseologismen und Metaphern als auch Ausschmückungen. Letztendlich hoffe ich, aus der Analyse Information zu Werthaltungen und Einstellungen einer Sprach- und Kulturgemeinschaft zu gewinnen, die vom Wortschatz des Andenkens und der Erinnerung getragen werden und die für die heutige Existenz von Poesiealben motivierend sein könnten – dies trotz der starker Dominanz des Schablonenhaften und dem eher unzeitgemäß anmutenden Charakter der Alben.

Oddný G. Sverrisdóttir (Reykjavík, Island)
Hungertuch, Kohldampf und ‘biðilsbuxur’. Unikale Komponenten in deutschen und isländischen Idiomen

Innerhalb der Phraseologie sind unikale Komponenten nur am Rande untersucht worden. Unikale Komponenten kommen in deutschen sowie isländischen Idiomen vor. Am Hungtuch nagen, Kohldampf schieben, auf dem Holzweg sein, aus dem Stegreif, am helllichten Tage sind Beispiele aus der deutschen Sprache, und im Isländischen belegen vera á biðilsbuxunum, gera gys einhverjum/einhverju, vera á varðbergi, vera töggur í, reka smiðshöggið á ihre Existenz. In meinem Beitrag möchte ich mich einerseits mit der Entstehung der Idiome, die unikale Komponenten enthalten, und andererseits auf die sprach- und kulturgeschichtliche Funktion der unikalen Komponenten eingehen. Darüber hinaus möchte ich das Sprachenpaar Deutsch-Isländisch in Bezug auf die unikalen Komponenten untersuchen. Da werde ich mit mit folgendenden Fragen beschäftigen: Kommen bei den verwandten Sprachen Gemeinsamkeiten vor, oder gehen sich die Sprachen in dieser Hinsicht sehr auseinander? Sind unikale Komponenten in der Bedeutung unikal, dass sie keine Entsprechung sprach- und kulturgeschichtlicher Art im Deutschen und Isländischen haben? Des weiteren wird die Herausforderung thematisiert, die die Übersetzung von unikalen Komponenten an die Übersetzer stellt.

Susanne Tienken (Uppsala, Schweden)
Wissen und Erfahrungen teilen in Webforen. Sharing als soziale Praxis

Erfahrungsberichte sind als narrative Konstruktionen im Bestreben der erzählenden Person anzusehen, sich Selbst und das Erlebte in einen erweiterten Sinnzusammenhang zu stellen (Ochs/Capps 2001). Diverse rezente Beiträge, vor allem aus dem Bereich der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse (Stivers et al. 2011), zeigen, wie Erfahrungen und Wissen in unterschiedlichen interaktiven Zusammenhängen relevant gemacht werden, um Selbst- und Fremdpositionierungen vorzunehmen (Lucius-Hoene/Deppermann 2004).  Erfahrungsberichte dienen somit als Ressource, um epistemische Kongruenz von Interaktionsteilnehmern her- oder sicherzustellen. Die Formen des Teilens von Erfahrungen und Wissen mit anderen sind allerdings durch die Entwicklung neuer Medien in den letzten Jahren modifiziert worden. In Webforen über Schwangerschaft und Geburt ist beispielsweise eine neue Form der Wissensvermittlung zentral, die sich grundlegend vom bloßen persönlichen Erzählen oder professionellen Beraten unterscheidet. Sharing ist hier vielmehr als eine kommunikative Praxis anzusehen (vgl. Wee 2011), bei der zum einen eine epistemische Relevanz für „Noch-Nicht-Mütter“, zum anderen aber auch die Zugehörigkeit zu „Schon-Müttern“ indiziert wird (vgl. Heather et al.).
Mithilfe diskursanalytischer Verfahren soll anhand inhaltlich graduell verschiedener Erfahrungsberichte („problematische“ vs. „unproblematische Geburt“) sowie anhand verfügbarer Kommentare aus einem Webforum über Schwangerschaft und Geburt herausgearbeitet werden, wie in diesen Wissen und Gemeinschaftlichkeit hervorgebracht und bewertet wird. Damit wird Sharing als soziale Praxis in den Blick genommen und der Frage nachgegangen, inwiefern diese in ihrer Medialität zur Konstruktion von Lebenswelt und der Gestaltung von Identitäten beiträgt.

Elliot, Heather; Gunaratnam, Yasmin; Hollway, Wendy; Phoenix, Ann (2009): Practices, Identification and Identity Change in the Transition to Motherhood. In: Margaret Wetherell (Hg.): Theorizing Identities and Social Action. Basingstoke: Palgrave Macmillan. S. 19-37.
Lucius-Hoene, Gabriele;  Deppermann, Arnulf (2004): Narrative Identität und Positionierung. In: Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 5. S. 166-183.
Stivers, Tanya; Mondada, Lorenza; Steensig, Jakob (2011): Knowledge, morality and affiliation in social interaction. Cambridge: Cambridge University Press. S. 3-24.
Wee, Lionel (2011): Sharing as an activity type. In: Text & Talk 31/3. S. 355-373.

Skaistė Volungevičienė (Vilnius, Litauen)
Konstruktionsglossare im Fachsprachenlernen: Zur KoGloss-Methode und Anwendung

Im traditionellen Sinne dienen die Methoden der Lexikografie vor allem zur Erstellung großer Nachschlagewerke oder Datenbanken. Oft wird aber außer Acht gelassen, dass Lexikografie auch ein großes sprachdidaktisches Potenzial hat und nicht nur das lexikografische Produkt, sondern bereits das Arbeiten daran als sprachreflexives Verfahren wichtig sein kann.
Im Mittelpunkt des Vortrags steht das seit Januar 2011 von der EU im Lifelong Learning Programm (LLP) geförderte zweijährige Projekt „Konstruktionsglossare im Fachsprachenlernen“ (Ko[Gloss]), das mit Partnern der Universitäten Tartu (Estland), Ventspils (Lettland) und Vilnius (Litauen) durchgeführt und von der Universität Duisburg-Essen (Deutschland) koordiniert wird.
KoGloss erarbeitet, testet und dokumentiert eine sprachdidaktische Methode und realisiert das didaktische Konzept des handlungsorientierten Unterrichts. Die Methode umfasst drei Schritte: die Sammlung authentischen Textmaterials, dessen Erschließung mittels professioneller, frei zugänglicher Sprachsoftware und die Dokumentation der Ergebnisse in dem weitverbreiteten E-Learning-System Moodle.
Das methodische Ziel des Projekts ist prinzipiell unabhängig von den Sprachen und von den fachlichen Bereichen des Textmaterials. Es wird an den Sprachen Estnisch, Lettisch, Litauisch und Deutsch beispielhaft erprobt. Als exemplarisches Diskursthema wurde Konjunktur und Konjunkturentwicklung gewählt. Die Basis der Analyse bilden vier vergleichbare Korpora. Die Textanalyse bezieht sich auf verbale Konstruktionen, die für die Kohärenz eines Textes wichtig sind und bei der Textproduktion sowie beim Textverstehen eine große Rolle spielen, wie z. B.: in Auftrag geben, deuten darauf hin, dass u. a. Die Ergebnisse der Analyse werden also weiter beim Erfassen und Verfassen von Fachtexten eingesetzt, dadurch wird eine höhere Sprachbewusstheit sowohl bei Muttersprachlern als auch bei Nichtmuttersprachlern erzielt.
Das KoGloss-Projekt ist für die drei baltischen Partner von besonderer Bedeutung. Die kleinen Länder wollen ihre eigenen Fachsprachen schon im Studium kultivieren und aktualisieren, damit sie durch das globale Englisch nicht immer mehr ersetzt werden und somit völlig verschwinden.

Elisabeth Wåghäll Nivre (Stockholm, Schweden)
Gefahren der frühneuzeitlichen Stadt am Beispiel des ‚Nachbarn‘-Romans von Jörg Wickram

”Du solt wissen / das noch andre Portugaleser aus Lisabona in diser stat Antorff sind / und derselbigen nit wenig / Aber fürnemlich zwen verlotteter böser buben / […]” (Georg Wickram, Von guten und bösen Nachbaurn, Hg. Von Hans-Gert Roloff (Berlin: de Gruyter, 1969): 143). Wenn der junge Portugiese Lasarus als Lehrling nach Antwerpen kommt, werden ihm gleich die Gefahren der Stadt von einem Freund deutlich gemacht. Der Held in Georg Wickrams Prosaroman aus dem Jahr 1556 sucht nicht mehr das ritterliche Abenteuer, sondern muss sich im urbanen Milieu als Goldschmied bewähren. Kriminalität und Gewalt werden zu Schlüsselbegriffen des frühneuzeitlichen Städtelebens, und Wickrams Protagonisten versuchen mit verschiedenen Taktiken sich den städtischen Lebensformen anzupassen, sich manchmal auch durchzuschlagen, ohne jemals den Glauben an eine bessere Welt/Stadt zu verlieren. Wenn das Thema Urbanität und Gewalt bisher vor allem ein Thema der frühneuzeitlichen Geschichtsforschung war, sucht dieser Beitrag sich aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive mit den Gefahren der Stadt am Beispiel von Wickrams Text auseinanderzusetzen.

Martin Wichmann (Helsinki, Finnland)
Metaphern und metaphorische Konzepte im Zuwanderungsdiskurs – ausgewählte empirische Analysen

Von Parallelgesellschaft über Multikulti-Schmuselinie bis hin zur Zwangsgermanisierung: Metaphern spielen im aktuellen Zuwanderungsdiskurs eine zentrale Rolle. Im Zentrum des Promotionsvorhabens (Betreuung: Prof. Dr. Gisela Brünner, Dortmund) steht das Ziel, den kommunikativen Umgang mit dem Fremden anhand der Analyse der Metaphorik im Zuwanderungsdiskurs herauszuarbeiten. Insofern gibt die Analyse der Metaphorik – zumindest partiell – auch Aufschluss über das gesellschaftliche und kulturelle Selbstverständnis in Bezug auf Zuwanderung.
Zunächst werde ich auf den theoretischen Rahmen (kognitive Metapherntheorie von George Lakoff & Mark Johnson) eingehen, zentrale Begriffe definieren und auch kurz auf die aktuelle metapherntheoretische Diskussion Bezug nehmen. Anschließend werde ich den Forschungsstand zur Analyse der Metaphorik im Zuwanderungsdiskurs skizzieren, die methodische Vorgehensweise erläutern und das Korpus vorstellen.
Das Korpus gliedert sich in drei Teilkorpora. Teilkorpus I umfasst die Grundsatzprogramme und Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2009 von SPD, CDU, CSU, FDP, Bündnis 90/ Die Grünen, Die Linke und NPD. Teilkorpus II beinhaltet ausgewählte Bundestagsdebatten von 2008 bis 2011 und Teilkorpus III umfasst ausgewählte Sendungen der politischen Talkshows „Anne Will“ (ARD), „Maybrit Illner“ (ZDF) und „Hart aber fair“ (ARD) aus den Jahren 2008 bis 2010. Auch werde ich erläutern, warum mir gerade die Berücksichtigung mündlicher Daten und der damit verbundene gesprächsanalytische Zugriff notwendig und sinnvoll erscheinen.
Im Zentrum des Vortrags wird vor allem die Diskussion methodischer Fragen stehen. Diese werde ich jeweils an empirischen Beispielen aus dem Korpus veranschaulichen, problematisieren und anschließend (ggf. gemeinsam mit eigenen Lösungsvorschlägen) zur Diskussion stellen. Die Fragen betreffen die Analyseziele, die aus den Analysekategorien abgeleiteten Ergebnisse und auch die Analysekategorien selbst (vor allem Gebräuchlichkeitsgrad, Aufgreifen von Metaphern in der Interaktion, Formen der Metaphernkritik und Funktionen der Metaphern).

Oliver Winkler (Åbo, Finnland)
Das literarische Gespräch als Gegenstand der Historischen Dialogforschung – Eine Untersuchung am Beispiel der literarischen Dialogsorte ‚Ehestreit‘

In der gesprächsanalytischen Forschung hat man der Frage der Historizität von Gesprächen bis heute wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zwar wurde relativ früh eine historische Perspektive auf die Untersuchung sprachlichen Handelns (Schlieben-Lange 1979) und auf die Gesprächsanalyse im Speziellen (Henne 1980) eingefordert. Empirische Studien im Bereich der historischen Dialogforschung, die den Fokus auf die interaktionale Aushandlung von Sprechhandlungen legen, sind jedoch bis zum heutigen Zeitpunkt innerhalb der germanistischen Forschung immer noch eine Seltenheit (Bax 1991; Fritz 1994; 1995; Kilian 2005; Neuendorff 2006; Neuendorff/Raitaniemi (2011).
Die für die historische Dialogforschung zentrale Frage ist, auf welcher Materialgrundlage historische Dialogstrukturen untersucht werden sollen. Kilian (2005), der sich kritisch mit dieser Frage auseinandersetzt, argumentiert dafür, den literarischen Dialog als „Primärquelle“ (Kilian 2005: 40) zu betrachten und auszuwerten. Bis zum heutigen Zeitpunkt fehlt es jedoch an Untersuchungen, die literarische Dialogsorten in ihrer historischen Entwicklung systematisch beschreiben. Das immer wieder eingeforderte Fernziel einer ‚Geschichte des literarischen Gesprächs‘ ist bis heute nicht in Angriff genommen worden.
In meinem Vortrag wird der in meiner Doktorarbeit entwickelte Ansatz einer diachronen und kontrastiven Dialoganalyse vorgestellt. Am Beispiel der literarischen Dialogsorte des Ehestreits, auf der Basis von deutsch- und schwedischsprachigen Ehedramen, soll gezeigt werden, wie eine historische Dialoganalyse am literarischen Text methodisch wie empirisch konkret umgesetzt werden kann. Dabei sollen anhand von empirischen Beispielen sowohl die Chancen und Möglichkeiten, als auch die Begrenzungen aufgezeigt werden, die dem literarischen Gespräch als Untersuchungs- und Erkenntnisgegenstand im Rahmen einer historischen Gesprächsanalyse zukommen.

Wolf Wucherpfennig (Roskilde/Birkerød, Dänemark)
Mörikes Gedicht ”Im Frühling”

Mörikes Gedicht, zunächst noch ohne Titel, stammt aus einem Brief, den der Dichter am 13. Mai 1828 an den Freund Johannes Mährlen schrieb; es erschien, mit Titel versehen, zuerst am 17. Juli 1828 im Morgenblatt für gebildete Stände, 1832 dann im Roman Maler Nolten, und 1838 in der ersten Gedichtsammlung. Ich mute dem Gedicht zu, für sich allein als Kunstwerk zu gelten, und betrachte es in der Fassung letzter Hand, so wie es in der letzten, noch von Mörike selbst besorgten Sammlung von 1867 erscheint. Die eingehende Interpretation soll aufzeigen, was am sprachlichen Kunstwerk über die Sprache solcherart hinausgeht, dass es fähig wird zu sagen, was das moderne Ich ist, gerade auch dort, wo das Ich seinen blinden Fleck hat und sich selbst unsagbar ist: in seiner nicht auszudeutenden Vergänglichkeit.

Vaiva Žeimantienė (Vilnius, Litauen)
Zur Struktur der diskursspezifischen Konstruktionen des Deutschen und des Litauischen: eine Analyse am Beispiel der KoGloss-Korpora

Im Vortrag werden sprachliche Konstruktionen besprochen, die für die Fachsprache Wirtschaft typisch sind und in den Texten zum Thema Konjunktur und Konjunkturentwicklung vorkommen. Die Sammlungen typischer Formulierungsmuster wurden aus den KoGloss-Korpora mit der deutschen und der litauischen Sprache ermittelt, die im Rahmen des EU-Projekts „Konstruktionsglossare im Fachsprachenlernen – Deutsch, Estnisch, Lettisch, Litauisch“ erstellt wurden. Die Arbeit mit den KoGloss-Korpora soll die Lerner und Berufstätige in ihrem Umgang mit der Fachsprache durch eine innovative Methode unterstützen, die die Bearbeitung des authentischen Sprachmaterials, die Ermittlung typischer Konstruktionen und ihre sprachdidaktische Erfassung in Form der Glossare auf der virtuellen Lernplattform Moodle umfasst. Denn Schwierigkeiten im Umgang mit der Fremd-, aber auch mit der Muttersprache entstehen nicht nur bei reinen Fachtermini, sondern auch bei Verwendung von alltäglichen sprach- und fachspezifischen Formulierungsmustern.
Das Ziel des Vortrags ist es, die Struktur der deutschen und der litauischen Konstruktionen, die aus den KoGloss-Texten korpuslinguistisch ermittelt wurden und für den Fachdiskurs Konjunktur von Bedeutung sind, zu diskutieren. Es handelt sich dabei um jeweils 100 frequente Muster des Deutschen und des Litauischen, die einerseits die Ausdrücke der Allgemeinwissenschaftssprache, die zur Wiedergabe von diskursspezifischen Zusammenhängen dienen, und andererseits die Fachausdrücke der Wirtschaftssprache zum Thema Konjunktur und Konjunkturentwicklung sind. Die ermittelten Konstruktionen beider Sprachen sind formal von unterschiedlicher Gestalt und können lexikalischer, wortbildungsmorphologischer, phraseologischer oder syntaktischer Art sein. Die vergleichende Analyse der deutschen und der litauischen Konstruktionen, die auch in die entstehenden KoGloss-Glossare aufgenommen werden, soll einen Überblick über die diskursspezifischen Muster beider Sprachen geben.

Barbara Ziegler (Stockholm, Schweden)
Bildtexte in deutschen und schwedischen Schulbüchern

Bildtexte sind meist kurze Texte, die einen scheinbar natürlichen Platz in Lehrbüchern einnehmen. Diese Textart trägt zur Repräsentation und (Re-)Produktion von Wissen, von Bedeutung, aber auch von Werten bei. Bilder in Schulbüchern haben großen Einfluss auf Schüler, da sie sich durch ihre Visualität von Texten abheben. Die dazugehörenden Bildtexte haben eine kommentierende und erklärende Funktion zu den Bildern, die eine positive Einwirkung auf den Lernprozess haben sollen.
Bildtexte können als eine Art Zwischenkategorie angesehen werden, da sie zur Kohäsionsbildung zwischen Bild und Text beitragen. Bildtexte haben deiktischen Charakter, sie dienen u.a. der zeitlichen und räumlichen Verortung des Bildinhaltes. Im Gegensatz zu Bildern in Lehrbüchern, haben Vorrecherchen meinerseits ergeben, dass Bildtexte in Schulbüchern wenig erforscht sind, dies inspirierte mich zu einer eingehenden Analyse dieser konventionellen Textart. Mein Projekt Bildtexte in deutschen und schwedischen Schulbüchern befindet sich noch in der Anfangsphase.
Ausgehend von der obigen Problemformulierung habe ich folgende Fragestellungen formuliert:

  • Wie werden Bildtexte sprachlich konzeptualisiert?
  • Wie verhalten sich Fließtext, Bildtext und Bild zueinander?
  • Welches Vorverständnis wird bei dem Leser bzw. Bildbetrachter vorausgesetzt?
  • Gibt es Unterschiede in der sprachlichen Konzeptualisierung der Bildtexte, abhängig von den Ländern und den Entstehungszeiten?
  • Inwiefern weisen Bildtexte wertende Elemente auf?

Fokus dieses Konferenzbeitrags liegt auf der Präsentation des Untersuchungsgegenstandes und den Methoden, mit deren Hilfe ich die oben genannten Fragen beantworten möchte. Lehrbücher im Allgemeinem und Geschichtslehrbücher im Besonderen sollen als Gegenstand linguistischer Forschung vorgestellt werden. Ich werde die Abgrenzung des Materials, nämlich Geschichtslehrbücher der 10. Klasse am deutschen Gymnasium und des ersten Jahres am schwedischen Gymnasium, kurz erläutern. Beispiele der bisherigen Materialsammlung werden präsentiert.
Methodologisch ist meine Untersuchung in der multimodalen Textanalyse verortet, da bei der Analyse der Bildtexte das Zusammenspiel von Fließtext, Bild und Bildtext eine äußerst wichtige Rolle spielen. Lehrbücher und deren Bildtexte sind Bestandteil des öffentlichen Bildungsdiskurses, deshalb werde ich mich auch Analysewerkzeuge der Diskurslinguistik bedienen. Vorläufige Analysekriterien meines Dissertationsvorhabens sollen im Konferenzbeitrag dargelegt werden.

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