Dirk Baldes (Daugavpils)

Die Symphonie der Farben als ästhetisches Prinzip bei E.T.A. Hoffmann

In keiner Epoche der deutschen Literatur werden so häufig Farbwörter benutzt wie in der Romantik. Einer der Gründe dafür scheint in der Notwendigkeit zur Konstruktion einer Gegenwelt zu liegen, deren farbenfrohes Erscheinungsbild die Illusion einer perfekten Welt als Gegenentwurf zur grauen (Kriegs-)Wirklichkeit bewirken soll. Die Spannung romantischer Texte, die von einer permanenten Bedrohung der imaginierten Idealwelt lebt, wird somit nicht zuletzt durch entsprechend funktionalisierte Farbevokationen hergestellt. Die antagonistische Wirkung von Farben wird zur Unterscheidung von bedrohlichen und harmonischen Kräften innerhalb der poetischen Wirklichkeit instrumentalisiert. Ein anderer Grund für die gehäufte Verwendung von Farbwörtern ist im romantischen Synästhesiekonzept zu suchen. Der ganzheitliche Anspruch der Schlegel’schen „progressiven Universalpoesie“ zeigt sich nicht nur textextern in der Tendenz zur Gattungsmischung oder im Zusammenwirken verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, sondern auch in einer synästhetischen Bildhaftigkeit auf Textebene.
Der Beitrag gibt zunächst einen groben Überblick zur poetischen Verwendung von Farbwörtern und leitet über zur Bedeutung der Farben innerhalb der romantischen Ästhetik. Anschließend werden diese Konzepte auf das Werk E.T.A. Hoffmanns übertragen und die Bedeutung einzelner Farben in den Werken Das fremde Kind, Klein Zaches genannt Zinnober und Der goldne Topf untersucht. Zum allgemein-romantischen Gebrauch von Farbwörtern tritt hier die spezifische Verwendung bei Hoffmann hinzu. Gerade für Hoffmann, der sich als Musiker, Schriftsteller und Maler zugleich verstanden hatte, gewinnt das Synästhesiekonzept eine tiefere Bedeutung. So haben Farben natürlich eine Indikatorfunktion zur Differenzierung ‚guter’ und ‚böser’ Charaktere und leisten auch einen Beitrag zum atmosphärischen Hintergrund des jeweiligen Textes. Zusätzlich tragen sie aber auch zu einem intermedialen Verständnis der Texte bei. Wird die Beziehung zur Malerei durch die farbliche Kolorierung (narrativer) Umrisszeichnungen hergestellt, so gelingt die Verbindung zur Musik über eine Vielzahl assoziativer ‚Farbklänge’. Durch das gleichzeitige Wirken antagonistischer Kräfte entsteht die Illusion einer narrativen Symphonie der Farben und damit der Eindruck einer ganzheitlichen poetischen Welt.

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