Withold Bonner (Tampere)

„Vielleicht ist es mein Großvater. Vielleicht auch nicht.“ Fotos und Postmemory in den Erinnerungen von Irina Liebmann und Barbara Honigmann

Nach 1945 wächst in der SBZ / DDR mit u.a. Monika Maron, Irina Liebmann, Thomas Brasch und Barbara Honigmann eine Gruppe von Autoren heran, deren Eltern von den Nationalsozialisten als Juden und Kommunisten verfolgt worden waren und die, soweit sie die Zeit des Faschismus im Exil überlebt hatten, nach Kriegsende bewusst in die SBZ /DDR gegangen waren.
Das Verhältnis zu den Eltern und Großeltern nimmt einen wichtigen Platz in der literarischen Produktion dieser Autoren ein. Ihr eigenes indirektes und fragmentarisches Generationengedächtnis wird dabei als „Postmemory“ (Marianne Hirsch) durch die traumatischen Erfahrungen ihrer Eltern dominiert, welche sich weniger in deren Erzählungen als in deren Schweigen manifestieren – sei es zu Auschwitz oder zum GULAG.
Wie Marianne Hirsch in „Family Frames: Photography, Narrative, and Postmemory“ (1997) zeigt, sind Fotos das entscheidende Medium, das die Erinnerungen zweier Generationen, Gedächtnis und Post-Gedächtnis miteinander verbindet. Wie der hier vorgeschlagene Beitrag anhand zweier Texte von Irina Liebmann („Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt“) und Barbara Honigmann („Ein Kapitel aus meinem Leben“) zeigen wird, sind es nicht zuletzt Fotos, denen eine wichtige symbolische Bedeutung bei den Erinnerungen an Vater und Mutter zukommt. Es handelt sich dabei – im Gegensatz zu den Fotos der gleichaltrigen deutschen Mitschüler – nicht um beschriftete, wohl geordnete, in Familienalben eingeklebte Fotos, sondern um unbeschriftet und ungeordnet aufbewahrte Fotos, die einerseits die Existenz von Vergangenheit und Familie bestätigen, andererseits in ihrer Unordnung die Zerstörung der Familien und in ihrer flachen Zweidimensionalität die unüberbrückbare Distanz zwischen den Generationen signalisieren.

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