Mirjam Gebauer (Aalborg)

Ökopoetiken in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Seit den 1980er Jahren wurde in der deutschen Literaturdebatte eine politische oder moralische Funktion der Literatur verabschiedet und damit auch die apokalyptische Öko-Literatur als obsolet betrachtet. Berühmt in diesem Zusammenhang Enzensbergers Aussage: ”Wir haben Heinrich Böll verloren. Aber dafür haben wir Amnesty und Greenpeace.” Doch mit der schockartigen globalen Bewusstwerdung der Klimakrise scheint sich auch die Möglichkeit oder gar Notwendigkeit einer engagierten (ökologischen) Literatur aufs Neue zu stellen. Auf der Tagesordnung der ’ernsthaften Literatur’ finden sich wieder Themen wie Klimawandel und Umweltprobleme, die in den letzten Jahrzehnten – zumindest im deutschsprachigen Raum – eher einer spezialisierten Science-Fiction-Literatur vorbehalten waren, darunter die Bestseller von Frank Schätzing.
Der Vortrag präsentiert einige, möglichst verschiedenartige, Beispiele der neuen Klimawandel-Literatur, u.a. Schätzings Ökothriller Der Schwarm (2004) und Limit (2009) sowie sein Sachbuch Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise durch die Meere (2006) und Ilija Trojanows Roman EisTau (2011). Die Frage ist, was verschiedene Schreibweisen und Genre, u.a. Thriller und semi-fiktionale, populärwissenschaftliche Darstellung, zur Darstellung der Klimathematik leisten. Denn wie der Literaturforscher Richard Kerridge beobachtete, macht sich beim Klimawandel ein besonderes Repräsentationsproblem geltend: ”For readers in the West, environmental issues are much more the stuff of potentiality than of actuality: tomorrow rather than now, elsewhere rather than here, a crisis building rather than a crisis reached.” (”Ecothrillers: Environmental Cliffhangers”, in: The Green Studies Reader: From Romanticism to Ecocriticism, Routledge 2000, 242-249) Es müsste demnach gelingen, der ‘Abstraktheit’ des Klimawandels die konkrete literarische Darstellung entgegenzusetzen und dabei womöglich auch das Konzept einer zeitgemäßen engagierten Literatur zu entwickeln.

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