Irina Hron-Öberg (Stockholm)

„ich aber möchte eine Nänie und Threnodie über dieselben schreiben”. Prekäre Nachbarschaft in Prosatexten nach 1900

Wortreich empört sich Arthur Schopenhauer in seinem kleinen Text Über Lerm [sic] und Geräusch über die Unempfindlichkeit minderer Geister gegen sich von außen aufdrängende Geräusche. Kurzerhand unterstellt er jenen „auch unempfindlich gegen Gründe, gegen Gedanken, gegen Dichtungen und Kunstwerke [zu sein]“ (Schopenhauer 1851). Der Lärm, die impertinenteste aller Unterbrechungen, die „sogar unsere eigenen Gedanken unterbricht, ja, zerbricht“ (ebd.) treibt das ausgesetzte Subjekt rücksichtslos an den Rand des eben noch Erträglichen. Die Bildlichkeit von einem Trennenden, wie sie mit dem Trommelfell, dieser hauchzarte ›Hörhaut‹, ins Spiel gebracht wird, ist entscheidend auch für die Figur der Nachbarschaft, wie sie im skizzierten Vortrag reflektiert werden soll. Auch vom Nachbarn trennt bloß eine säuberlich aufgezogene Membran – die dünne (Zimmer)wand. Und so ist es für den Behauser der Nebenwohnung in Kafkas Der Nachbar ein Leichtes, sich Leben und Geschäft des Anderen sukzessive anzueignen, indem er schnurstracks sein Kanapee an die Wand rückt und horcht (vgl. Kafka 1917). Schon bei Strindberg, etwa im Inferno, wird durch Wände hindurch Wissen und Leben ausgesaugt und in der 50. Aufzeichnung von Rainer Maria Rilkes Malte Laurids Brigge stellt Malte unumwunden fest: „Ich könnte einfach die Geschichte meiner Nachbaren schreiben; das wäre ein Lebenswerk.“ (MLB, 49). Wie die Poetik eines solchen Werkes zu denken wäre, danach soll gefragt werden, aber auch, wie es um die Gestalt des Nachbarn bestellt ist, die zwischen einer subtilen Spielart der ›Figur des Zweiten‹ und einer  Doppelgängergestalt changiert. Allerdings ist es immer nur der eine Part, dessen merkliche Anwesenheit einen Abdruck im Gehör des Anderen hinterlässt. Man denke etwa an Palmède Bernardin aus Amelie Nothombes Les Catilinaires, einen der nervtötendsten Nachbarn der Literatur des 20. Jahrhunderts, der sich unbarmherzig in Haus und Hirne eines ältlichen Gelehrtenehepaars einnistet. Zur Diskussion gestellt wird, auf welche Weise Intimität und Distanz in sämtlichen der genannten Texte eine Schnittmenge ausbilden, welcher der Nachbar – lärmend – entsteigt.