Tatjana Kuharenoka (Riga)

Visualitätsstrategien im autobiographischen Raum. Der Fall Lou Andreas-Salomé

Lou Andreas-Salomé ist vor allem als Psychoanalytikerin, Freundin und Schülerin von Nietzsche, Freud und Rainer Maria Rilke bekannt,  viel weniger als Autorin, die verschiedene Modelle des autobiographischen Sprechens vorführt, die  von der Autobiographie über den autobiographischen Roman bis hin zum Versuch,  die Erinnerungen in Form eines Diariums  oder  der biographischen Studie reichen.
Indem die Autorin die Kategorie der Erinnerung dabei  sowohl als Information als auch als Verständigung und Kommunikation konzipiert, führt sie solche Modelle des Autobiographischen vor,  die im starkem Masse als visuelle Autobiographien aufgefasst werden können. In dem Bemühen,  das Vergangene in der Gegenwart präsent zu halten, geht es der Verfasserin vordergründig um die optische Projektion der Erinnerung. Der Vorgang des Erinnerns im autobiographischen Erzählen Lou Andreas-Salomés stellt dabei einen Willensakt dar, der im starken  Masse intermedial geprägt (vor allem ist hier an die Prinzipien der zeitgenössischen bildenden Kunst und Photographie zu denken) wurde, andererseits aber, spricht vieles auch dafür, dass hier sich bestimmte Einflüsse von Rainer Maria Rilke bemerkbar machten. Dabei werden die unterschiedlichen autobiographischen  Räume und Orte  –  Landschaften ( deutsche, finnische oder russische), Gärten, Parks, Wege, Routen, aber auch Haus, Zimmer oder beispielsweise das Pavillon, gleichzeitig visuell,  akustisch oder auch olfaktorisch wahrgenommen, das heißt, sie werden an die Körperlichkeit gebunden und treten dadurch  verstärkt als Erinnerungs / Erfahrungs- Räume hervor.
Die Möglichkeiten des Blicks, das Sehen als Praxis werden für Lou Andreas-Salomé zur wichtigen Voraussetzung der autobiographischen  Raum-Zeit-Bewältigung. Wobei die optisch vermittelte Darstellung nicht selten wenig mit den  konkreten Räumen, Orten oder Personen verbunden ist, sie stellt  vielmehr eine  Inszenierung des unmittelbaren Seherlebnisses dar.

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