Esbjörn Nyström (Stockholm)

Zu den Grenzen des literarischen Textes. Bemerkungen zu den Erscheinungsformen von Libretti in Textbuch und Partitur

Das Opernlibretto ist eine literarische Gattung mit zwei möglichen, völlig unterschiedlichen schriftlichen Erscheinungsformen: wir können es einerseits ohne Noten, von der Form her einem Dramentext für die Sprechbühne ähnlich (z. B. als gedrucktes Textbuch), vorfinden, aber auch andererseits in musikalischer Notation integriert (z. B. in einer Partitur).
In einer wissenschaftlichen Edition eines vertonten Librettos sollten – wenn der verbalsprachliche Text in einer Partitur auch als eine autorisierte Fassung eines Librettos betrachtet werden kann (die Kriterien dafür werden kurz umrissen) – Varianten  zwischen Textbuch und Partitur verzeichnet werden. In derartigen Variantenapparaten kommen Grenzen des Literarischen selbst zum Vorschein: So zeigt die editorische Praxis, dass gewisse Teile des verbalsprachlichen Textes in einer Partitur oder einem Klavierauszug als mehr zur Musik denn zum literarischen Text gehörend betrachtet werden.
Tempo-, Dynamik- und Vortragsanweisungen in Partituren werden in den betreffenden Variantenapparaten oft nicht verzeichnet, sondern offenbar nur der musikalischen Notation zugerechnet; die Anweisungen kommen meist in standardisierter (italienischsprachiger), daneben aber oft in freierer Ausführung vor, wobei die Grenze zu den Regiebemerkungen offensichtlich fließend ist. Wenn ähnliche Anweisungen in einem Textbuch vorkommen, werden sie dagegen selbstverständlich zum Dramentext gerechnet. Ein zweiter Fall sind die Wiederholungen von gesungenen Textsegmenten in Partituren, die als eine rein musikalisch bedingte Erscheinung verstanden werden. Dabei können Wiederholungen jedoch auch in Textbüchern in unterschiedlichen Weisen gekennzeichnet sein. Der dritte Fall ist die größere Differenziertheit und Genauigkeit der Partituren in der Darstellung von zeitlichen Abläufen; hier wird auf die Problematik des Vergleichs zwischen solchen Markierungen (z. B. beim simultanen Singen) und dem linear strukturierten Text im Textbuch hingewiesen.
Von diesen drei Gebieten ausgehend wird anhand einiger deutschsprachiger Beispiele aus mehreren Jahrhunderten die unsichere Grenzziehung zwischen literarischem Text und rein musikalischer Notation in Partituren beleuchtet. Darüber hinaus werden einige Grundsätze in der germanistischen und der musikwissenschaftlichen Libretto-Editorik und die potentielle Bedeutung editionswissenschaftlicher Fragestellungen für die Intermedialitätstheorie kurz diskutiert.

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