Silke Pasewalck (Tartu)

Migration und Erinnerung – Aris Fioretos’ „Der letzte Grieche“

„[…] ich frage mich, ob nicht die Literatur die Geschichte rehabilitieren kann. Denken Sie nur an all die Griechen, die ihr Heimatland verlassen haben. Zwingen die neuen Umstände sie nicht, sich selbst neu zu erfinden? Warum sollte dieser Einfallsreichtum kein Teil ihrer Biographie sein? Oder der Historiker nicht von ihnen lernen können?“ (Der letzte Grieche, S. 392)
Der schwedische Autor Aris Fioretos erzählt in seinem Mehrgenerationenroman Den siste greken (2009, dt. Der letzte Grieche 2011) die von Diaspora und Migration geprägten Geschichten zweier „griechischer“ Familien, an deren einem Ende die Vertreibung aus Smyrna unter Atatürk und an deren anderem Ende die Migration als Gastarbeiter bzw. als politischer Flüchtling nach Schweden steht. Das zeitenvermischende, mehrperspektivische Erzählen kreist dabei um das Schicksal und das Bewusstsein des „Auslandsgriechen“ Jannis Georgiadis, der in den 1960er Jahren als Gastarbeiter nach Schweden kommt. Der Roman stellt die Frage nach der adäquaten Tradierung von Biographie und Genealogie im „bleiernen Zeitalter der Migration“ und plädiert mit seiner postmodernen Erzählkonstruktion für einen dezidiert antinostalgischen Zugriff. Dabei konstruiert er einen ebenso vielschichtigen wie fragilen, Zeiten und Räume miteinander verbindenden, aber auch voneinander trennenden Gedächtnisraum. Dass dieser nur in der literarischen Fiktion existieren kann, ist eine der Pointen des Textes.
In meinem Beitrag, dem die deutschsprachige Übersetzung von Paul Berf zugrunde liegen wird, möchte ich den Roman in die literaturwissenschaftliche Debatte zur Poetik der Interkulturalität einordnen und auf dessen Kultur- sowie dessen Literaturbegriff hin befragen. Einen zentralen Stellenwert wird dabei die spezifische Erinnerungspoetik des Textes einnehmen.

Jüngste Veröffentlichungen:
Interkulturalität und (literarisches) Übersetzen. Hg. gemeinsam mit Dieter Neidlinger und Terje Loogus. Tübingen 2012 (Studien zur Multi- und Interkultur). Stauffenburg.
Nationalepen zwischen Fakten und Fiktionen. Hg. gemeinsam mit Heinrich Detering, Torsten Hoffmann und Eve Pormeister. Tartu 2011. 321 Seiten.
Interkulturalität als poetisches Verfahren. Vladimir Vertlibs Roman Das besondere Gedäcthnis der Rosa Masur. In: Re-Visionen. Kulturwissenschaftliche Herausforderungen interkultureller Germanistik. Frankfurt/Main 2012 [erscheint demnächst].
Literatur und Kultur – Überlegungen zum Stellenwert von Literatur in der Kulturvermittlung und ein Unterrichtsentwurf zum Tell-Mythos. In: Deutsch als Fremdsprache und Literaturwissenschaft. Zugriffe, Themenfelder, Perspektiven. Hg. Von Michael Ewert, Renate Riedner und Simone Schiedermair. München 2011, S. 144-162 (gemeinsam mit Dieter Neidlinger).

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