Birger Solheim (Bergen)

Der unironische Deutsche. Thomas Manns Argumentationsweise in Betrachtungen eines Unpolitischen

Es scheint einen breiten Konsens in der negativen Bewertung der politischen Argumentation Thomas Manns zu geben. Kjell Madsens Stellungnahme ist in dieser Hinsicht repräsentativ: mit einer Tirade von Adjektiven beschreibt er Manns Argumentation als „fragwürdig“, „introvertiert“, „diffus“ und „kurzsichtig“. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine zunehmende Tendenz u. a. die Essaysammlung Betrachtungen eines Unpolitischen, wenn nicht gerade als politische Aussage, so doch als Kunstwerk, zu rechtfertigen. Dabei bezieht man sich auf die raffinierte Sprache und vor allem auf die berühmte Ironie des Autors. Durch diese Fokusverschiebung von Argumentation, Moral und Politik auf ästhetische Beurteilung, entsteht die Möglichkeit, die Verpflichtung zu umgehen, sich näher mit der postulierten Fragwürdigkeit der politischen Meinungen zu befassen.
Ist aber die einstimmig negative Bewertung der Argumentationsweise in den Betrachtungen eines Unpolitischen gerecht? Argumentiert Thomas Mann wirklich durchgehend „diffus“ und „kurzsichtig“? Oder lassen wir uns vielleicht in unserer Abstandnahme  allzu sehr von einer Art politischen Korrektheit steuern, die dadurch entstanden ist, dass wir aus unserer Perspektive schon wissen, wie die Nationalsozialisten zu einem späteren Zeitpunkt eine Argumentationsweise aufgreifen sollten, die deutliche Parallelen zur Argumentationsweise Manns aufzeigen?
Mit Hilfe des Argumentationsmodells Stephen Toulmins werde ich die Argumentationsweise Thomas Manns unter die Lupe nehmen. Auf der Grundlage dieser Analyse werde ich einige Hypothesen aufstellen. 1) Thomas Mann ist in seiner Argumentation selten ironisch, 2) Seine Argumentation ist nicht diffus, sondern zielt auf Präzision und Eindeutigkeit.