Maria Bonner (Sønderborg)

Aussprache als motorische Fertigkeit – Konsequenzen für den Ausspracheunterricht

Die lange gängige Auffassung, es gebe zum Erlernen einer Fremdsprache ein optimales Zeitfenster  und insbesondere das Erlernen der authentischen Aussprache einer Fremdsprache sei jenseits der Pubertät kaum möglich (Critical Period Hypothesis), mag dazu beigetragen haben, dass ein fremdsprachlicher Akzent vielfach als unüberwindbar hingenommen wird. In der Praxis ist weiterhin die Zeit für ein systematisches Aussprachetraining im Fremdsprachenunterricht meist knapp bemessen. Eignen sich erwachsene Lerner dennoch eine authentische Aussprache an, so sieht man das gerne als Zeichen einer besonderen Begabung, als Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Um eine muttersprachennahe Aussprache einer Fremdsprache zu erlangen, sind neben dem kognitiven Aussprachewissen um Phoneme und Allophone sowie ihre Distribution auch motorische Fertigkeiten nötig, um von den automatisierten Artikulationsbewegungen der Muttersprache abweichende Artikulationsbewegungen ausführen zu können. Aussprachewissen kann kognitiv erfasst und zum Beispiel in Form von Transkriptionen nachgewiesen werden. Das Erlernen der Aussprache dagegen ist ein motorischer Vorgang und setzt voraus, dass die Bewegungen der Artikulationsorgane bei der Artikulation der Muttersprache und der Fremdsprache bewusst wahrgenommen und differenziert werden können. In einem erfolgreichen Ausspracheunterricht muss es also darum gehen, die motorischen Muster der Artikulation bewusst zu machen, um so eine Veränderung zu ermöglichen.
In meinem Beitrag wird es um Konzepte motorischen Lernens gehen. Ich werde u.a. folgenden Fragen nachgehen: Wie lässt sich das bewusste Wahrnehmen von kleinsten Bewegungen der Artikulationsorgane schulen? Wie kann das sehr komplexe Zusammenspiel der an der Artikulation beteiligten Muskulatur der Propriozeption zugänglich gemacht werden, sodass die Artikulationsorgane nicht mehr automatisch die gewohnten Bewegungen ausführen, sondern bewusst andere Bewegungen ausprobiert werden können, um die fremdspachlichen Zielpositionen der Artikulation zu erreichen?