Nicolaus Janos Eberhardt (Uppsala)

Substantivkomposita in den Schriften Notkers des Deutschen

Das Deutsche gilt gemeinhin als Kompositionssprache, insbesondere Substantivkomposita werden zu jeder Zeit in der Geschichte des Deutschen in großer Zahl gebildet. So ist auch zu erwarten, dass die Komposition eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Deutschen von einer Sprache der Alltagskommunikation hin zu einer Kultursprache spielt, wenn nämlich neue Bezeichnungen für Begriffe gefunden werden müssen, die der Volkssprache bislang fremd waren.
Obwohl diese Entwicklung mit dem frühen Mittelalter einsetzt, liegt noch keine umfassende, systematische Darstellung der Komposition im Althochdeutschen vor, die dem aktuellen Stand der historisch-synchronen Wortbildungsforschung entspräche. Diese hat die korpusgestützte Rekonstruktion von Wortbildungssystemen zum Ziel (vgl. Müller 2002, 3), die dann in einem zweiten Schritt als Grundlage einer diachronen Darstellung der Entwicklung des Wortbildungssystems dienen können (vgl. Müller 1993, 409).
Nachdem solche Darstellungen für die Gegenwartssprache (L. Ortner u. a. 1991) sowie das Mittelhochdeutsche (Klein, Solms, und Wegera 2009) vorliegen, soll nun ein Beitrag dazu geleistet werden, die Lücke für das Althochdeutsche zu schließen, indem die Substantivkomposition im Übersetzungswerk Notkers des Deutschen untersucht wird. Die dort belegten Substantivkomposita werden vollständig exzerpiert und in ihrer aktuellen Bedeutung bestimmt.
Ausgehend von der Bedeutung eines Kompositums wird dann die Kompositionsbedeutung ermittelt, d.h. in welcher Relation die beiden Konstituenten zueinander stehen, um die Bedeutung des Kompositionsprodukts zu ergeben. Diese Kompositionsbedeutungen der einzelnen Komposita werden dann abstrahiert und verschiedenen semantischen Klassen zugeordnet.
So gelangt man zu einer vollständigen Beschreibung des Systems der Substantivkomposition in den Schriften Notkers, was dann auch die Möglichkeit zu einer systematischen diachronen Darstellung der Substantivkomposition vom Althochdeutschen bis in die Gegenwartssprache eröffnet. Darüber hinaus ermöglicht die vollständige Erfassung der notkerschen Substantivkomposita noch Aufschlüsse darüber, wie dieser Autor sich des Mittels der Komposition bedient, wo es in seinen Übersetzungen theologischer oder philosophischer Texte gilt, adäquate Bezeichnungen für Begriffe zu finden, die der Volkssprache bislang fremd waren.

Klein, Thomas, Hans-Joachim Solms, und Klaus-Peter Wegera, Hrsg. 2009. Mittelhochdeutsche Grammatik. Teil III. Wortbildung. Bd. 3. Tu?bingen: Niemeyer.
Müller, Peter O. 1993. „Historische Wortbildung: Forschungsstand und Perspektiven“. ZfdPh 112: 394–419.
Müller, Peter O. 2002. Historische Wortbildung im Wandel. In Historische Wortbildung des Deutschen, hg von. Mechthild Habermann, Peter O. Müller, und Horst Haider Munske, 1–11. Reihe Germanistische Linguistik 232. Tübingen: Niemeyer.
Ortner, Lorelies, Elgin Müller-Bollhagen, Hanspeter Ortner, Hans Wellmann, Maria Pümpel-Mader, und Hildegard Gärtner. 1991. Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. 4. Hauptt., Substantivkomposita. (Komposita und kompositionsähnliche Strukturen 1). Sprache der Gegenwart LXXIX. Berlin/New York: de Gruyter.