Edith Ekberg (Lund)

Frei vs. fakultativ. Über die Dativphrase in der ditransitiven Konstruktion im Deutschen aus einer kognitiven Perspektive

Es ist bekannt, dass die Dativphrase in ditransitiven Konstruktionen im Deutschen entweder als freier Dativ oder als lexikalisch erfordertes, u. U. aber nur fakultativ realisiertes Dativobjekt kategorisiert werden kann.
Der Referent einer freien Dativphrase in ditransitiven Konstruktionen wird i.A. als der von der Handlung des Agens Betroffene interpretiert. In Sätzen mit Verben des Schaffens und Beschaffens, wie z. B. backen und kaufen, kann er jedoch auch als potenzieller Rezipient verstanden werden. In diesen Fällen ist die Rezipientenrolle nicht — im Unterschied zu den ditransitiven Verben wie z. B. schicken — im Rolleninventar des Verbs enthalten.
Sowohl die Fakultativität als auch die freie Hinzufügbarkeit einer Dativphrase lässt sich in Anlehnung an Langacker (1987, 1993) und Goldberg (1995) mit dem Terminus „konstruktionelle Profilierung“ festhalten. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass nicht das Verb selbst, sondern das syntaktisch-semantische Muster der ditransitiven Konstruktion eine syntaktische Position bereithält, in das ein Argument eingesetzt werden kann. Auf diese Weise wird eine nicht overt realisierte Rezipientenrolle kognitiv salient gemacht und dem Argument, das sie trägt, der Status des indirekten Objekts verliehen.
Dennoch besteht zwischen der „Freiheit“ und der Fakultativität einer Dativphrase ein Unterschied, der erst anhand der Applizierung des Konzepts der kausalen Kette von Langacker (1987, 1993) und Croft (1998) auf die ditransitiven Konstruktionen offensichtlich wird. In diesem Konzept spielen auch der Standort des Betrachters und die Weite des Blickwinkels eine Rolle. Bei der Betrachtung eines ditransitiven Geschehens wie schicken befindet sich die potenzielle Etablierung einer possessiven Relation zwischen dem geschickten Objekt und dem Rezipienten innerhalb der lexikalisch vorgegebenen Betrachtungsperspektive. Bei der Betrachtung eines Geschehens wie jemandem etwas backen/kaufen liegt die potenzielle Etablierung der possessiven Relation zwischen dem Objekt und dem Rezipienten hingegen außerhalb der von den Verben kaufen/backen aufgespannten Betrachtungsperspektive. Dies erklärt, warum Konstruktionen mit ditransitiven Verben eine dekomponierte, ditransitive Konstruktionen mit Verben des Schaffens/Beschaffens hingegen eine zusammengesetzte Ereignisstruktur haben.

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