Klaus Geyer (Odense)

Was leisten (morpho-)phonologische Regeln bei der Beschreibung des Gegenwartsdeutschen?

Die Phonologie, verstanden als die Beschreibung und Analyse der systematischen lautlichen Repräsentation von Sprache, ist eine wenig geliebte linguistische Teildisziplin im Fach Deutsch – vor allem in der „Auslands“germanistik (bzw. DaFiA). Die Ursache hierfür liegt wohl einerseits daran, dass die Phonologie bedeutungsunterscheidende und eben nicht bedeutungstragende Einheiten fokussiert, und andererseits im teilweise recht hohen Abstraktionsgrad mancher phonologischer Ansätze begründet.
Nun sind einzelne, punktuell auf phonologische Gegebenheiten rekurrierende Regularitäten, die oftmals als Regeln formuliert werden, auch im Fach DaFiA durchaus geläufig: Man denke nur an den weithin bekannten und sehr robusten Zusammenhang von Wortakzent und der möglichen (oder eben nicht möglichen) „Trennbarkeit“ von Verbpartikeln bzw. Verbpräfixen; an die sog. Auslautverhärtung (bei der die Formulierung der Regularitäten allerdings stark variiert), oder an die Arbeiten von Köpcke & Zubin, denen zufolge einige Korrelationen zwischen der phonologischen Form des Wortausgangs bestimmter Substantive und ihrem Genus bestehen. Wie in meinem Vortrag gezeigt wird, lässt sich auch die meist nur unter Zuhilfenahme von Aufzählungen, Ausnahmen und Idiosynkrasien beschriebene Allomorphie des Suffixes für die 2. Person Singular im Präsens und Präteritum (also -st vs. -est, vgl. du knetest/knetetest vs. du trittst/tratst, du kamst vs. du atmest usw.) systematisch in eine einfache, phonologisch basierte Regel fassen – was jedoch nicht möglich ist, ohne auf das Konzept der Silbe und ihrer Sonoritätskontur zurückzugreifen. Anhand dieses konkreten Beispiels soll diskutiert werden, ob die „Kosten“ einer solchen Regel den „Nutzen“ übersteigen, inwieweit also die (Güte-)Kriterien Reichweite, Gültigkeit, Stärke und Gebrauchswert, die für jede Regel wesentlich sind, erfüllt sind – und ob nicht Grundkenntnisse der Struktur von Silben ohnehin Bestandteil jeder (meta)sprachlichen Ausbildung sein sollten.

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