Hartmut Lenk (Helsinki)

Geschichte und Gegenwart des Zeitungskommentars in der Deutschschweizer Presse

Die „strenge Trennung von Nachrichten (1. Seite) und Meinungsteil (2. Seite), wie sie in vielen deutschen Zeitungen noch heute praktiziert wird“ (Koszyk 1999: 41)1, war eine der Prämissen, die v.a. die amerikanische Besatzungsmacht bei der Neuzulassung von Zeitungen in Deutschland nach dem Kriegsende 1945 setzte. Diese Differenzierung zeigt sich nicht zuletzt in der Unterscheidung solcher journalistischen Darstellungsformen bzw. Textsorten wie ‚Bericht‘ und ‚Kommentar‘. Kommentare erscheinen heute in nahezu allen Tageszeitungen Deutschlands und Österreichs. Dies gilt zwar auch für die meisten, nicht jedoch für alle Zeitungen in der Schweiz. Denn in der Schweiz gab es 1945 keine vergleichbare Zäsur mit einem allgemeinen Medienverbot und einer Lizenzierung neuer Medien durch Besatzungsmächte. Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG beispielsweise verzichtet bis heute auf den Ausweis meinungsbetonter Texte mit dem Rubriktitel Kommentar. In den 1940er und 1950er Jahren fehlte eine solche Darstellungsform auch in anderen Schweizer Zeitungen. Es ergeben sich zwei Fragen, auf die im Vortrag eine Antwort gegeben werden soll: (1) Wann fand die Textsorte / Darstellungsform ‚Kommentar‘ Eingang in die Schweizer Presse? (2) Welchen Stellenwert hat und welche Ausprägung erfährt sie in der Schweizer Presse der Gegenwart?
Die erste Frage wird am Beispiel der größten Abonnementzeitung der Schweiz untersucht, dem in Zürich erscheinenden TAGES-ANZEIGER. Dabei wird a) auf das Erscheinen von Texten, die nach den Textsortenmustern eines Kommentars abgefasst sind, b) das Vorkommen des Rubriktitels Kommentar und c) das erste Erscheinen eines als solchen überschriebenen Kommentars eingegangen.
Die zweite Frage bezieht eine repräsentative Auswahl von Tageszeitungen aus der Schweiz (mit überregionalem, regionalem und lokalem Verbreitungsgebiet, die gegenwärtig als Abonnement- und als Straßenverkaufszeitungen erscheinen) ein. Untersucht wird an einem eigens zusammengestellten Korpus, wie häufig, in welchen Ressorts und welcher Gestalt sowie mit welchen kommunikativen Funktionen Kommentare erscheinen.

Koszyk, Kurt (1999): Presse unter alliierter Besatzung. In: Wilske, Jürgen (Hg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Köln, Weimar, Wien: Böhlau, S. 31–58.

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