Angelika Linke (Zürich)

Das Tischgespräch. Zu Geschichte und Sozialsemiotik eines Genres

Der Beitrag thematisiert das soziale „Gebilde der Mahlzeit“ (Georg Simmel) unter einer kommunikationsgeschichtlichen wie kulturanalytischen Perspektive. Im Zentrum steht einerseits die allgemeine Frage nach der Rolle der Sprache beim Prozess der Zivilisierung bzw. der ästhetischen Überformung des Essens (Norbert Elias) und andererseits die speziellere Frage nach der Herausbildung des „Tischgesprächs“ als eines eigenständigen Genres. Der historische Bogen erstreckt sich von den Tischzuchten des Mittelalters über das Reden bei Tisch in der frühen Neuzeit bis zum bürgerlichen Tischgespräch des 18. und 19. Jahrhunderts.  Die herangezogenen Quellen sind sehr unterschiedlicher Natur: Normative Texte zum Verhalten bei Tisch (Anstandsliteratur, Gesprächslehren); Ego-Dokumente privater Schriftlichkeit (Briefe, Tagebücher); literarische Texte (hier vor allem Romane Fontanes) und auch bildliche Darstellungen. Es kann gezeigt werden, dass sich in der Geschichte der Verbindung von Essen und Reden die kulturelle Aufmerksamkeit von den Speisen auf die Gespräche, vom Verzehr auf die Kommunikation und vom semiotischen Gestus der Präsentation auf den des Austausches verschiebt und dass das kommunikative Verhalten bei Tisch immer auch das Beziehungs- und Machtgefüge der jeweiligen Gesellschaft reflektiert bzw. zu dessen sozialsemiotischer Konstitution beiträgt. Das Tischgespräch kann in diesem Kontext als ein spezifisch „bürgerliches“ Genre verstanden werden.
Der Beitrag versteht sich als Skizze eines umfangreicheren Forschungsprojektes.

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