Eva Neuland (Wuppertal)

Höflichkeit bei Jugendlichen heute: Widerspruch oder Wandel?

Im Rahmen der zunehmenden Internationalisierung vieler Lebensbereiche und der zunehmenden Multikulturalität in Schulen und Hochschulen nimmt auch die Bedeutung der Höflichkeit als „Sprache der Weltgesellschaft“ immer mehr zu. Eine wesentliche Fragestellung der neueren linguistischen Höflichkeitsforschung betrifft die Rolle der jüngeren Generationen im Umgang mit konventionalisierten sprachlichen Umgangsformen. Es ist vielleicht nicht nur ein typisch deutsches Phänomen, dass die antiautoritäre und antikonventionelle Kritik sozialer Bewegungen der späten 60er sowie der 70er Jahre an den als unzeitgemäß und formalistisch empfundenen Höflichkeitstandards die Einstellungen gegenüber Formen formaler Etikette bis heute nachhaltig verändert hat. Dies zeigt sich nicht nur in Veränderungen der Anredeformen und im Umgang mit Titeln, sondern auch in den Gruß- und Abschiedsformulierungen sowie im Umgang mit kritischen Kommunikationssituationen und gesichtsbedrohenden Sprechhandlungen.
Inwiefern vor allem Jugendliche zu einem solchen Prozess zunehmender Ent-Distanzierung  und Informalisierung des öffentlichen Sprachgebrauchs beitragen, ist auch in der Jugendsprachforschung noch eine ungelöste Fragestellung. Im Vortrag werden dazu einige ausgewählte Befunde eines Forschungsprojekts zur sprachlichen Höflichkeit bei Jugendlichen vorgestellt. Dabei soll an ausgewählten Beispielen die These veranschaulicht werden, dass Höflichkeit bzw. Respekt durchaus noch eine handlungsleitende Kategorie für Jugendliche darstellt, aber insbesondere in der intragenerationellen Kommunikation durch andere, jugendtypische Stilmittel ausgedrückt werden, die oftmals in Kontrast und Widerspruch zur konventionellen Höflichkeit stehen. Konsequenzen für die Didaktik der sprachlichen Höflichkeit und die Vermittlung unterschiedlicher Höflichkeitsstile sind auch für den DaF-Unterricht zu bedenken.