Dessislava Stoeva-Holm (Uppsala)

Sprache im Dienste der Freundschaft. Zur Konzeptualisierung einer zwischenmenschlichen Beziehung

Freundschaft ist ein Phänomen aller Zeiten und Kulturen. Was unter dieser Etikettierung einer zwischenmenschlichen Beziehung verstanden und wie diese praktiziert wird, unterliegt dabei einem ständigen Wandel. Im Vortrag steht hauptsächlich die Thematisierung in Poesiealben im Vordergrund u.a. zum Zweck des Verewigens von Freundschaft. Poesiealben sind eine ca. 500jährige kulturelle Gepflogenheit, die bis ins Mittelalter hinein zurückverfolgt werden kann. Diese Langlebigkeit ist erstaunlich, da in Poesiealben Ratschläge, Wünsche und Verhaltensanweisungen für den Lebensweg vorzufinden sind, die in stark abgegriffenen sprachlichen Mustern codiert sind, in denen sich Herz auf Schmerz, Tugend auf Jugend und Gedenken auf schenken reimt. Gleichzeitig scheint es, dass die Sentimentalität der Sprüche und Sentenzen der gängigen Praxis der Freundschaftsbekundung keinen Abbruch tut.
Deshalb werde ich im Vortrag darauf eingehen, wie Sinn aus Sprachschablonen geschaffen wird und worauf sich das Freundschaftskonzept stützt. In diesem Zusammenhang gewinnen die Sprüche der Poesiealben, die oft als nebensächlich abgetan werden, die aber ein Versuch sind, das erlebte oder konstruierte Konzept von Freundschaft zu worten oder es zumindest umzusetzen, an Gewicht. Mit Hilfe einer lexikalisch-semantischen Analyse von einigen Poesiealben aus dem 20.Jahrhundert sollen Nominations- und Beschreibungsstrategien aufgezeigt werden, aber auch wie mit nonverbalen Mitteln Expressivität angestrebt wird. Informativ sind hierbei sowohl Phraseologismen und Metaphern als auch Ausschmückungen. Letztendlich hoffe ich, aus der Analyse Information zu Werthaltungen und Einstellungen einer Sprach- und Kulturgemeinschaft zu gewinnen, die vom Wortschatz des Andenkens und der Erinnerung getragen werden und die für die heutige Existenz von Poesiealben motivierend sein könnten – dies trotz der starker Dominanz des Schablonenhaften und dem eher unzeitgemäß anmutenden Charakter der Alben.