Oliver Winkler (Åbo)

Das literarische Gespräch als Gegenstand der Historischen Dialogforschung – Eine Untersuchung am Beispiel der literarischen Dialogsorte ‚Ehestreit‘

In der gesprächsanalytischen Forschung hat man der Frage der Historizität von Gesprächen bis heute wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zwar wurde relativ früh eine historische Perspektive auf die Untersuchung sprachlichen Handelns (Schlieben-Lange 1979) und auf die Gesprächsanalyse im Speziellen (Henne 1980) eingefordert. Empirische Studien im Bereich der historischen Dialogforschung, die den Fokus auf die interaktionale Aushandlung von Sprechhandlungen legen, sind jedoch bis zum heutigen Zeitpunkt innerhalb der germanistischen Forschung immer noch eine Seltenheit (Bax 1991; Fritz 1994; 1995; Kilian 2005; Neuendorff 2006; Neuendorff/Raitaniemi (2011).
Die für die historische Dialogforschung zentrale Frage ist, auf welcher Materialgrundlage historische Dialogstrukturen untersucht werden sollen. Kilian (2005), der sich kritisch mit dieser Frage auseinandersetzt, argumentiert dafür, den literarischen Dialog als „Primärquelle“ (Kilian 2005: 40) zu betrachten und auszuwerten. Bis zum heutigen Zeitpunkt fehlt es jedoch an Untersuchungen, die literarische Dialogsorten in ihrer historischen Entwicklung systematisch beschreiben. Das immer wieder eingeforderte Fernziel einer ‚Geschichte des literarischen Gesprächs‘ ist bis heute nicht in Angriff genommen worden.
In meinem Vortrag wird der in meiner Doktorarbeit entwickelte Ansatz einer diachronen und kontrastiven Dialoganalyse vorgestellt. Am Beispiel der literarischen Dialogsorte des Ehestreits, auf der Basis von deutsch- und schwedischsprachigen Ehedramen, soll gezeigt werden, wie eine historische Dialoganalyse am literarischen Text methodisch wie empirisch konkret umgesetzt werden kann. Dabei sollen anhand von empirischen Beispielen sowohl die Chancen und Möglichkeiten, als auch die Begrenzungen aufgezeigt werden, die dem literarischen Gespräch als Untersuchungs- und Erkenntnisgegenstand im Rahmen einer historischen Gesprächsanalyse zukommen.