Margit Breckle (Vilnius)

Konkurrenz ums Vorfeld. Vergleichende Analyse zum gesprochenen L2-Deutsch schwedisch- und finnischsprachiger Lernender.

Während die Wortstellung im Finnischen oft als ‚frei‘ bezeichnet wird und die Verbzweit-Struktur nur eine von mehreren möglichen Optionen darstellt (vgl. Hakulinen et al. 2004: 1306ff.), sind das Deutsche und das Schwedische nahverwandte Verbzweit-Sprachen, in denen die Position vor dem finiten Verb (Deutsch: Vorfeld; Schwedisch: fundament) i.d.R. von einem Element besetzt ist. Das Vorfeld im Deutschen ist nicht durch grammatische Funktionen determiniert; es wird aber häufig angenommen, dass das Vorfeld einen großen Einfluss auf die Informationsstruktur hat und mit lokaler Textkohärenz in Verbindung gebracht.
Im Vortrag wird eine empirische korpusbasierte Untersuchung zur Verwendung des Vorfelds im gesprochenen L2-Deutsch schwedisch- und finnischsprachiger Lernender (L2-SE und L2 -FI) im Vergleich zu einer L1-Kontrollgruppe präsentiert. Der Untersuchung liegen folgende Fragestellungen zugrunde: (i) Welche Elemente werden im Vorfeld in Deutsch als L2 im Vergleich zu Deutsch als L1 produziert? (ii) Finden sich bei der Verwendung von Vorfeld-Elementen Unterschiede zwischen schwedisch- und finnischsprachigen L2-Lernenden? Zur Analyse der grammatischen Kategorien und Vorfeld-Funktionen wird die contrastive interlanguage analysis (vgl. Granger 2008) verwendet; bei Ausnahmen von der Verbzweit-Struktur wird zudem eine Fehleranalyse durchgeführt.
Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Lernenden die Vorfeld-Struktur im Deutschen erworben haben. Während sich zwischen L2-Lernenden und L1-Kontrollgruppe zwar Unterschiede insbesondere in Bezug auf die Verwendung von Subjekt und Adverbialen im Vorfeld finden, die jedoch bei gegebener Korpusgröße nicht signifikant sind, lassen sich zwischen L2-SE und L2-FI signifikante Unterschiede in Bezug auf die Distribution der grammatischen Vorfeld-Funktionen sowie in Bezug auf Subjekt und Akkusativobjekt nachweisen. Es zeigt sich, dass die L2-FI-Ergebnisse denen der L1-Kontrollgruppe ähnlicher sind als die L2-SE-Ergebnisse. Die Ergebnisse lassen auf einen L1-Transfer schließen (vgl. z. B. auch Rosén 2006 und Bohnacker & Rosén 2008 für L1-Transfer bei schwedischsprachigen L2-Lernenden des Deutschen); dieser Erklärungsansatz wird durch die Tatsache gestützt, dass bei L2-FI signifikant mehr Inversionsfehler auftreten.

Bohnacker, Ute & Rosén, Christina. 2008. The clause-initial position in L2 German declaratives. In: Studies in Second Language Acquisition 30, 511–538.
Granger, Sylviane (2008). Learner corpora. Lüdeling, Anke & Kytö, Merja (Eds.). Corpus Linguistics. An International Handbook. Berlin et al.: de Gruyter. 259–275. (= Handbooks of Linguistics and Communication Science; 29)
Hakulinen, Auli et al. 2004. Iso suomen kielioppi. Helsinki: SKS. (= Suomen kirjallisuuden Seuran toimituksia; 950) Auch abrufbar unter: http://scripta.kotus.fi/visk/etusivu.php [13.1.2012]
Rosén, Christina. 2006. Warum klingt das nicht deutsch? Probleme der Informationsstrukturierung in deutschen Texten schwedischer Schüler und Studenten. Stockholm: Almqvist & Wiksell International.