Henrik Henriksson (Lund)

Progressivität und Zustände im Deutschen und Schwedischen

Progressivität stellt als Teilbereich der Aspektualität eine konzeptuelle Kategorie dar (Henriksson 2006), die in der Tradition von Smith (1991) zwei Ebenen aufweist:

  • Situationstypen: Unterschiede im Hinblick auf die interne temporale Struktur einer Situation, z.B. zwischen Zuständen (states) und dynamischen Situationstypen
  • Blickwinkel: bestimmte Arten der Betrachtung, oder Perspektivierung einer Situation, z.B. der progressive Blickwinkel (oder Progressivität)

Beim progressiven Blickwinkel wird die Situation in ihrem Verlauf – und somit als  „dynamisch” – dargestellt, wodurch die Grenzen der Situation in den Hintergrund gerückt werden. Typologisch gesehen erfolgt die sprachliche Abbildung der Progressivität u.a. durch grammatischen Aspekt, wie die englische Verlaufsform, aber sie kann auch durch nur teilweise grammatikalisierte Konstruktionen, wie die im Deutschen und Schwedischen vorkommenden progressive markers, abgebildet werden, vgl. z.B. die Konstruktionen mit am+Infinitiv oder hålla på.
Mit dem progressiven Blickwinkel passen aus aspektuell-konzeptuellen Gründen bestimmte Situationstypen schlecht zusammen. In der Literatur wird in diesem Zusammenhang oft auf die Inkompatibilität der Progressivität (in erster Linie der englischen Verlaufsform) und states hingewiesen. Situationen, in denen „nichts stattfindet“ können dabei nur schwer als „dynamisch“ präsentiert werden. Als Gegenargument kann aber auf Beispiele wie I´m sitting oder I´m being tired hingewiesen werden, die insofern als Zeichen für den hohen Grammatikalisierungsgrad der englischen Verlaufsform gelten können, als sie zeigen, dass die Verlaufsform z.T. auch mit unprototypischen Situationstypen kombiniert werden kann. Im Vortrag wird nun die Frage gestellt, ob und gegebenenfalls wie solche  „progressiven Zustände“ in Sprachen wie Deutsch und Schwedisch zum Ausdruck kommen können. Dabei sollen  unterschiedliche Typen sowohl von progressive markers als auch von states analysiert werden.

Ebert, Karen. H. 2000. Progressive Markers in Germanic Languages. In Tense and Aspect in the Languages of Europe, hrsg. von Östen Dahl, 605-653. Berlin/New York: Mouton de Gruyter.
Henriksson, Henrik. 2006. Aspektualität ohne Aspekt? Progressivität und Imperfektivität im Deutschen und Schwedischen Stockholm: Almqvist & Wiksell International. [Lunder germanistische Forschungen 68].
Rothmayr, Antonia. 2009. The Structure of Stative Verbs. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins.
Smith, Carlota.S.1991. The Parameter of Aspect. Dordrecht/Boston/London: Kluwer. [Studies in Linguistics and Philosophy 43].

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