Alexander Künzli (Genf)

Schwedische Kriminalliteratur in deutscher Übersetzung

Die schwedische Kriminalliteratur erlebt im deutschsprachigen Raum seit Jahren einen Boom. Henning Mankells Kurt-Wallander-Reihe beispielsweise wurde bisher in mehr als 30 Millionen übersetzten Exemplaren abgesetzt, davon mehr als die Hälfte auf dem deutschsprachigen Markt. Eine genauere Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Schwedenkrimis von Seiten der Übersetzungswissenschaft drängt sich somit auf – auch deshalb, weil die Kriminalliteratur generell in quantitativer Hinsicht alle anderen Zweige der Literatur übertreffen dürfte. Die Literaturübersetzung stellt denn auch seit jeher einer der wichtigsten Forschungsbereiche der Übersetzungswissenschaft dar. Allerdings beschäftigt sich diese in erster Linie mit Höhenkammliteratur. Unterhaltsliteratur und insbesondere Kriminalliteratur spielt eine untergeordnete Rolle und war bisher selten Gegenstand systematischer Untersuchungen. Deshalb steht in einem laufenden Forschungsprojekt an der Universität Genf die Übersetzung schwedischer Kriminalliteratur ins Deutsche im Mittelpunkt. Ausmaß und mögliche Gründe für den Erfolg von Schwedenkrimis werden aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Methoden untersucht: (a) bibliometrische Untersuchungen (Anzahl übersetzter schwedischer Kriminalromane und Kriminalautoren ins Deutsche, Übersetzer [wer übersetzt welche Autoren?], Verkaufszahlen, Verlagshäuser), (b) vergleichende Analysen eines Korpus von professionellen Kritiken und Laienkritiken im Netz, (c) schriftliche Befragungen zu den Erwartungen und Präferenzen des Lesepublikums von schwedischer Kriminalliteratur. Erste Ergebnisse der bibliometrischen Untersuchung zeigen, dass die Gattung Schwedenkrimi im deutschsprachigen Raum nach einem Jahrzehnt der explosionsartigen Entwicklung nun in eine Phase der Konsolidierung einzutreten scheint, während der Vergleich von professionellen und Laienkritiken im Netz auf eine Kluft zwischen Lesern und professionellen Rezensenten hindeutet. Während Literaturkritiker wie auch die Autoren selbst gerne den gesellschaftskritischen Ansatz und die aufklärerische Botschaft der Werke in den Vordergrund stellen, scheinen Leser von einem Schwedenkrimi meist in erster Linie eines zu wollen: spannend unterhalten zu werden.

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