Terje Loogus (Tartu)

Entscheidungsverhalten und Autokommunikation im Translationsprozess

Translation als komplexes, professionelles Handeln kann sowohl aus teleologischer als auch aus pragmatischer Sicht betrachtet werden. Teleologisch gesehen bedeutet Translation einen Kommunikationsprozess, pragmatisch gesehen einen Entscheidungsprozess. Die beiden Prozesse sind eng miteinander verbunden, denn die translatorische Vermittlung und Übertragung von Informationen an die Zieladressaten ist immer mit gewissen Entscheidungen verbunden, die größeren oder kleineren kognitiven Aufwand erfordern. Das Entscheidungsverhalten des Translators ist durch seine Doppelrolle als Ausgangstextrezipient und Zieltextproduzent äußerst komplex. Die Entscheidungen des Translators betreffen sowohl die Ausgangstextanalyse als auch die Zieltextsynthese, sowohl die Satz- oder Wortebene als auch die ganzheitliche Textebene. Ungeachtet dessen, auf welcher Ebene die Entscheidungen getroffen werden, bleiben sie eingebettet in einem weiteren kulturellen Rahmen. Kommunikationstheoretisch gesehen ist Translation ein dialogischer Prozess. Der Translator tritt in den Dialog sowohl mit dem Sender des Ausgangstextes als auch mit dem Empfänger des Zieltextes, darüber hinaus oft mit dem Auftraggeber. Es handelt sich um einen mehrfachen Dialog. Bei dem translationsrelevanten Kommunikationsmodell wird oft die Tatsache vernachlässigt, dass der Dialog im Translationsprozess nicht nur Kommunikation zwischen verschiedenen Handlungspartnern, zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen betrifft, sondern auch intraindividuelle Kommunikation. Ein Translator kommuniziert nämlich auch mit sich selbst, sowohl beim Durchlaufen der verschiedenen Phasen des Entscheidungsprozesses als auch beim Wechseln zwischen verschiedenen Rollen, die er im Translationsprozess einnehmen muss. Für die Beschreibung des intraindividuellen Kommunikationsprozesses kann das Modell von Autokommunikation von Juri Lotman (2010: 32 ff.) angewandt werden. Im vorliegenden Beitrag werden translationsrelevante entscheidungstheoretische Fragestellungen (z.B. Levý 1981, Kussmaul 1986, Wilss 2005, Loogus 2008) mit dem Modell der Autokommunikation von Lotman verbunden, mit dem Ziel, das Entscheidungsverhalten des Translators besser beschreiben und verstehen zu können.

Kußmaul, Paul (1986): ”Übersetzen als Entscheidungsprozeß. Die Rolle der Fehleranalyse in der Übersetzungsdidaktik.” In: Snell-Hornby Mary (Hrsg.) (1986): Übersetzungswissenschaft – eine Neuorientierung. Zur Integrierung von Theorie und Praxis. Tübingen: Francke. 206–229.
Levý, Ji?í (1981): ”Übersetzung als Entscheidungsprozess.” In: Wilss, Wolfram (Hrsg.) (1981): Übersetzungswissenschaft. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 219–235.
Loogus, Terje (2008): ” Translation als komplexer, zielgerichteter und problemlösungsorientierter Entscheidungsprozess.“ In: Triangulum. Germanistisches Jahrbuch 2007 für Estland, Lettland und Litauen, 13. Folge. 163–181.
Lotman, Jurij M. (2010): Die Innenwelt des Denkens. Berlin: Suhrkamp.
Wilss, Wolfram (2005): ”Übersetzen als wissensbasierter Textverarbeitungsprozess.” In: Zybatow, Lew N. (Hrsg.) (2005): Translatologie – neue Ideen und Ansätze. Innsbrucker Ringvorlesungen zur Translationswissenschaft IV. Frankfurt am Main: Peter Lang. 5-22.