Ewald Reuter (Tampere)

Postnationale Leseweisen. Eine Longitudinalstudie zu interkulturellen Leseprozessen internationaler Studierender

Berichtet wird über die Anlage, die Durchführung und die Auswertung von Leseprozessen, die über einen Zeitraum von 15 Jahren beobachtet wurden. Diese Leseprozesse finden statt in einem Kurs, in dem finnische und internationale Studierende Gespräche über finnisch-deutsche Kulturunterschiede führen. Bei den Kursteilnehmerinnen handelt es sich meist um nicht-professionelle Literaturleserinnen, dass heißt um keine  angehenden Literaturwissenschaftlerinnen. Früh im Kurs besteht eine Aufgabe der Austauschstudierenden darin, ein kurzes finnischsprachiges Gedicht nach der Naturmethode, das heißt unter Zuhilfenahme von zweisprachigen Wörterbüchern und der Nutzung der Grammatikkenntnisse der finnischsprachigen Studentinnen, ins Deutsche zu übetragen. Diese Lektüre- und Übersetzungsarbeit wird gruppenweise durchgeführt und gelegentlich videografiert. In der Regel benötigen die Gruppen 80-90 Minuten, um eine Übersetzung anzufertigen, mit der die selber zufrieden sind. Eine weitere Aufgabe besteht darin, eine kurze schriftliche Interpretation des Ausgangs- bzw. Zieltextes anzufertigen und so Auskunft über den eigenen Textaneignungsprozess bzw. die eigene Sinnproduktion zu geben.
Die erhobenen Daten wurden auf zweifache Weise analysiert. In einem ersten Schritt wurden die Videoaufnahmen exemplarisch einer Konstitutionsanalyse unterzogen, was bedeutet, dass untersucht wurde, über welche interaktiven Verfahren die Beteiligten Schritt für Schritt dem Ausgangstext Bedeutung und Sinn beimessen und dies auf Deutsch schriftlich fixieren. In einem zweiten Schritt wurde rekonstruiert, welche Rolle die Kategorie der ‚Nation’ bzw. der ,Nationalkultur’ in den textbezogenen Interaktionsprozessen spielt. Dabei stellt sich heraus, dass im Verlauf von 15 Jahren der Bezug auf die ,Nation’ eine zunehmend nachgeordnete und postnationale Selbstverortungen der Leserinnen dagegen eine zunehmend wichtigere Rolle spielen. Im Beitrag werden die Untersuchungsergebnisse im Einzelnen diskutiert und es werden Ansätze vorgestellt, die den Deutungsmusterwandel zu erklären helfen.Göttlich, Uwe 2006: Die Kreativität des Handelns in der Medienaneignung. Zur handlungstheoretischen Kritik der Wirkungs- und Rezeptionsforschung. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.