Karlis Cirulis (Riga)

Selbstaufgeklärtes Erwachen? Zur Kulturproduktion und Bildungspolitik in Lettland um 1850

Der Vortrag geht dem rasanten kulturellen Aufschub der ersten und zweiten Hälfte des 19. Jh., sowie dem ersten nationalen „Erwachen” in Lettland nach, das nicht nur mit einem Umbruch in der bis dahin von Deutschen betriebenen Volksaufklärung einhergeht, sondern auch als exemplarischer Schnittpunkt von Identitätsbildenden Prozessen verstanden werden kann. Das Projekt der Aufklärung wird in der Mitte des 19. Jh. erfolgreich ‘übersetzt’ – die Jungletten treten in die Fußstapfen von J. G. Herder und G. Merkel. Neben dem zentralen Identitätstext der Letten, G. Merkels „Die Letten”, bereitet die zweisprachige Ausgabe von H. Zschokkes „Goldmacherdorf” typologische Modelle vor, auf die, unter anderem, J. Alunans, K. Valdemars und K. Barons bald zurückgreifen. Die in ein Bildungsprojekt umgeschlagene Volksaufklärung eröffnet einen nationalen Diskurs, in dessen Rahmen neben einem ersten ‚lettischen‘ literarischen Kanon auch ein Kanon für Bildungs- und damit auch Identitätstexte entsteht. Unter einer Perspektive der Bildungsforschung wird im Vortrag auf die diskursiven und medialen Bahnungen dieses kollektiven nationalen Narrativs eingegangen. Zentral für die Betrachtung sind die Aspekte der Selbstbestimmung und des Selbstbildes der jungen Nation in den Augen der Federführer dieses Narrativs.
Es wird ferner den medialen Voraussetzungen und Umsetzungen der Kulturproduktion, die den Nährboden (oder die Maschinerie, wenn man so will) für diese Prozesse bildet, in Bezug auf den lettischen Raum, nachgegangen.
Die Untersuchung ist dabei, neben historischen, kulturellen und vergleichenden Aspekten, auf mediengeschichtliche Forschung ausgerichtet.
Ein für die Zwecke der Untersuchung geeigneter, weit gefasster, Medienbegriff wird hier bei M. McLuhan unter dem Begriff der „Erweiterungen“ gewonnen, der Medien als Weiterentwicklungen des menschlichen (und kollektiven) Körpers beschreibt.

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