Ivars Orehovs (Riga)

Vom ‚Lokalen’ zum ‚Globalen’: Thematisches Suchen in der Literatur- und Kulturgeschichte des deutschen und des nordischen Sprachraums (auch in deutsch-baltischen Schriften mit kulturhistorischem Wert)

Es ist kein Geheimnis, daß die nationale oder ‚lokale’ Zugehörigkeit und die Besonderheiten des literarischen Schaffens in erheblichem Maße durch das ‚Schöpfen’ aus den eigenen Folklore-Quellen gekennzeichnet ist, Entlehnungen von Themen und Gestalten aus der Bibel und der antiken Mythologie sind währenddessen mehr mit dem ‚gemeinsamen’ Kulturerbe verbunden, zumindest in der westlichen Kulturtradition.
Beim Nachdenken über die Korrelation der ‚lokalen’ und ‚universalen’ Aspekte im Zeitalter der Massenmedien scheint es für sinnvoll, einen retrospektiven Blick in die Sammlungen der Literatur- und Kulturgeschichte in bezug auf die Entwicklung der Literatur im Ostseeraum vorzunehmen, welcher im Allgemeinen sowohl die Einführung des Christentums und die Meinungsäußerung darüber im 17., 18. (z. B., „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ von  J.G. Herder) und im frühen 19. Jahrhundert (z. B., „Die Christenheit oder Europa“ von Novalis) widerspiegelt, als auch Gesichtspunkte über die Bildung der „Weltliteratur“ ( J. W. von Goethe) und der „Universalpoesie“ (Fr. Schlegel) reflektiert.
Ein bedeutendes Phänomen in der nordischen, beziehungsweise schwedischen Literatur der Romantik ist kultur- historisches Interesse für die Wiedergeburt von Ideen bezüglich der altnordischen heroischen Routen auf der Suche nach der ‚Erweiterung des eigenen Lebensraums’ (göticism – schwedish; z.B., im Gedicht von E. G. Geier „Der Wikinger“), welches auch einen Zusammenhang mit der ehrgeizigen Vorstellung des 17. Jahrhunderts über die ‚historische Besonderheit’ der alten Nordländer hat (z. B., der lange Aufsatz von O. Rudbeck „Atlantica“). Das korrespondiert mit der Vorstellung von damaliger aktiven Außenpolitik Schwedens – dominium maris baltici zu schaffen. Als Ergebnis solcher Intentionen war die Standhaltung der schwedischen Verwaltung in Riga und Livland (1621/29-1710), die auch gewisse staatseinheitlich-befördernde Verordnungen erlassen hat – z. B., zur Einführung des Postwesens (1636; siehe: das Poem in deutscher Sprache von Chr. Bornmann „Mitau“), der Landvermessung (1628) und der Gemeindeschulen für Kinder der Bauern (1686-1687). Einige Aspekte des ‚erweiterten Raumes’ werden in Tagebüchern und Autobiographien von Leuten schwedischer Herkunft, die direkten Bezug zum Baltikum hatten (E. Dahlbergh, U. Hiärne, A. Horn), dargelegt.
Die dominierenden Ideen in der Poesie des 17. Jahrhunderts sind immer noch die von der Erlösung der Seele (z.B., im Gedicht von P. Fleming „Vor meiner Reise nach Persien“) und von der Rolle der christlichen Einheit (siehe, z. B., das Gedicht von G. v. Mengden „Fest stehet Gottes Stadt gegründet“).
In der deutsch-baltischen Dichtung des 19. Jahrhunderts ist ‚das Meer’ ein häufig benutztes Medium, um die Einheit zwischen dem ‚Nahen’ und dem ‚Weiten’ oder ‚Fernen’ zum Ausdruck zu bringen. So, der eine Dichter empfindet Sehnsucht von diesem „kalten Meer“ weg – zu den südlichen, geistig mehr aktiven Meeren und „dem Ozean“ (im Gedicht von J. v. Sivers „An der Ostsee. Im Februar“), der andere betont im Gegenteil, daß er „aus weiter, kalter Ferne“ in Erinnerungen an den heimatlichen „Wogenstrand gerne verweilt“ (im Gedicht von J. E. F. v.Grotthuß „An die Heimat“).
Eine gewisse Einheit dieser Tendenzen offenbart sich in der historischen Erzählung von C. Russwurm  „Der Robbenfang“ (auf deutsch veröffentlicht 1861, auf lettisch – 1874). Dieser literarisch dokumentierte Versuch der Identitätsbekundung unterhält deutlich die erwünschte Variante der Wechselseitigkeit und der gegenseitigen Wechselwirkung zwischen dem ‚Lokalen’ und dem ‚Globalen’ – und dieses gilt nicht nur der Literatur.