Eve Pormeister (Tartu)

Zur doppelten Vereinnahmung des weiblichen Todes durch den männlichen Künstler in Erica Pedrettis „Valerie oder Das unerzogene Auge“

Dass der Körper nicht nur von innen heraus zerfressen bzw. zerstückelt werden kann, wie beispielsweise durch Krebs, sondern ebenfalls von außen heraus: durch den männlichen Künstler und sein erzogenes Auge, darüber reflektiert die deutschschweizerische Autorin Erica Pedretti in ihrem palimpsestartig angelegten und auffällig vom Motiv des Todes durchzogenen Buch „Valerie oder Das unerzogene Auge“ (1986). Damit überschreitet sie die bis dahin geläufige Übertragung des Themas „Krankheit und Körper“ auf die „kranke[n] Schweiz“ (Peter von Matt) oder auf unsere Zivilisation schlechthin und legt das erzählerische Gewicht zum einen auf die existenzielle Ebene, zum anderen zugleich auf die (gesellschaftlich-)ästhetische Ebene, was bereits auch der das ästhetische Programm der Autorin verbergende Buchtitel indirekt verkündet. Indem die Autorin Bezug auf den Schweizer Maler Ferdinand Hodler (1853?1918), seine tiefen Erfarhungen der menschlichen Endlichkeit und Sterblichkeit sowie seine Bilderserie der sterbenden Valentine Godé-Darel nimmt, verwandelt sie ihre Künstler-Figur Franz und ihre Modell-Figur Valerie in ein Stückchen Wirklichkeit und macht die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit durchsichtiger.
Dem Motiv des (weiblichen) biologischen Sterbens und des (weiblichen) biologischen Todes kommt im schöpferischen Prozess als Aneignung in der männlichen symbolischen Ordnung eine metaphorische Bedeutung zu, die die Entstehung eines Werkes in der „fundamentale[n] Asymmetrie von Subjekt und Objekt“ (Pierre Bourdieu), in  der Spannung von der Geburt des männlichen Elements und dem Sterben des weiblichen Elements als Vereinnahmung des weiblichen Todes durch den männlichen Künstler beleuchten soll. Von der doppelten Vereinnahmung in Pedrettis (nicht nur) Buch kann insofern die Rede sein, als der männliche Künstler (nicht nur in der bildenden Kunst), der beim Anblick der Todeskranken oder der Sterbenden seiner eigenen Endlichkeit gewahr wird und seine Todesangst aufs Papier zeichnet, fieberhaft darum bemüht ist, „irgend etwas aus dem großen Totentanz zu retten“ (Hermann Hesse), sich und sein Werk in die Zeitlosigkeit hinüberzuretten, den Tod zu überleben. Mit ihm und mit seinem Leiden wird sich der Betrachter ihrer Bilder, seiner Aufzeichnungen, „aus Selbstschutz“ (Erica Pedretti) identifizieren.  Seinem und nicht ihrem Leiden wird er vorläufig – „bevor man nicht selbst von der Krankheit erfaßt wird“ (Erica Pedretti) ? nachfühlen können. Sie, das Modell, versinkt in der doppelten Dunkelheit, „hinter den Bildern in der Nacht von Tod und Vergessen“ (Peter Utz ).

Bourdieu, Pierre (2010): Die männliche Herrschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Hesse, Hermann (1978): Narziß und Goldmund. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 160.
Matt, Peter von (1991): Der Zwiespalt der Wortmächtigen. Essays zur Literatur. Zürich: Benziger Verlag, S. 30.
Pedretti, Erica (1986): Valerie oder Das unerzogene Auge. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 180