Maris Saagpakk (Tallinn)

Die deutschbaltische Literatur im postkolonialen Diskurs

Die germanistischen Studien zu Postkolonialismus haben bisher den baltischen Raum nur am Rande erwähnt (vgl. Lützeler 2005: 94). An der Universität Tallinn gibt es seit zwei Jahren ein Forschungsprojekt „Deutschbaltische Kulturtexte und (Post)kolonialer Diskurs“, in Rahmen dessen überprüft wird, ob die Beschreibungsmodelle des Postkolonialismus im baltischen Kontext eine Berechtigung haben. Die in den bisherigen Studien herauskristallisierten Ergebnisse werden im Vortrag zusammengefasst und präsentiert. Dabei ist die allgemeine Entwicklung der (eigenen) deutschbaltischen literarischen Kultur und die Herausbildung einer spezifisch baltischen Identität unter den Deutschen, die auf den Territorien des heutigen Estlands und Lettlands gelebt haben, zu berücksichtigen. Ebenso aber auch die historischen Rahmenbedingungen für die Identitätsbildung der Deutschen im Baltikum und die literarische Bearbeitung dieser Themen.
Die Christianisierung des Baltikums war für die deutschen Balten ein tragendes Mythos, die Quelle und Begründung des „historischen Rechts“ auf das eroberte Land. So gesehen, sind die Esten und Letten aus der Sicht der Deutschen schon von Anfang an ein „Zivilisierungsprojekt“ gewesen. Später entwickelte man das Projekt in gewaltigen Schritten weiter, es gab die Reformation mit der Schaffung der Schriftkulturen im Estnischen und Lettischen, die Aufklärung mit der Idee der Befreiung der Bauern von der Leibeigenschaft und dem Zugang zur Schulbildung, die Nationalromantik mit estophilen und lettophilen Tätigkeiten. Im Vortrag wird nachgezeichnet, wie dieses „Projekt“ literarisch begleitet wurde, ob und inwiefern die jeweils geherrschten machtpolitischen Ideen der deutschbaltischen Oberschicht im Baltikum einen literarischen Niederschlag gefunden haben.

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