Alexandra Simon-López (Joensuu)

Das „Fiktive-Wir“ im Berlin des 21. Jahrhunderts: Eine Dekonstruktion deutscher und russischer Stereotype in Literatur und Film

Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 begann nicht nur ein neuer Identitätsdiskurs auf deutsch-deutscher Ebene, sondern auch eine neue Form von hybrider Migrationskultur, die zu einem großen Teil von Einwanderern der ehemaligen Sowjetunion bzw. den ehemaligen Ostblockstaaten geprägt wurde. Die Stadt Berlin fungiert hier ganz im Sinne Bhabhas als Ort der interkulturellen Zusammenkunft 1, was sich besonders in Wladimir Kaminers „Russendisko“ (2000) 2 und Dominik Grafs Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010) 3 widerspiegelt. Das Ziel dieses Vortrags liegt in der Dekonstruktion kultureller Stereotype, und zwar der deutschen und der russischen, wie sie sowohl bei Kaminer als auch bei Graf zu finden sind. In beiden Werken wird das Thema Migration und Identitätssuche fokussiert, doch die Erzählperspektiven und literarischen/cineastischen Umsetzungen grenzen sich deutlich voneinander ab. Folgenden Fragen soll bei dieser Präsentation kritisch nachgegangen werden: Inwieweit ähneln sich die benutzten Stereotype und das „Fiktive-Wir“4 bei Kaminer und Graf, und in welchen Bereichen zeigen sich Differenzen? Welche Rolle spielen die unterschiedlichen Genres bei der Umsetzung dieser Stereotype? Wie wird diesbezüglich mit dem jüdischen Kontext in beiden Werken umgegangen?1 Vgl. Homi Bhabhas Konzept der kulturellen Hybridität in: Bhabha, Homi K., 1994. The location of culture. New York: Routledge
2 Kaminer, Wladimir, 2000. Russendisko. München: Goldmann.
3 Vgl.:  http://www.daserste.de/imangesichtdesverbrechens/
4 Vgl.: Stam, Robert/Shohat Ella, 2009. “Transnationalizing Comparison: The Uses and Abuses of Cross-Cultural Analogy”. In: New Literary History, Volume 40, Number 3, Summer 2009, S. 475